SPEX-Kritik: Der Durstige Mann – Saufen Ohne Ende EP

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Aus deutschen Studios frisch auf den Plattenteller:

Der Durstige Mann: Saufen ohne Ende (Wasted Vinyl)

Palais Schaumburg: Beat Of 2 (Phonogram)

Beide Gruppen passen in etwa so gut zusammen wie die Lurkers und Nino de Angelo, doch gerade Gegensätze sind es, welche das Leben reizvoll gestalten.

Henniger Bier und Äppelwoibembel deuten auf Frankfurt, wo man mit Inbrunst schönste alte Punk-Rock-Traditionen, sprich knarrender Bass, Sumpfthematik und holprigen Gesang wiederaufleben läßt.

Ein Nachschiebprodukt zwar (ich schlabbere die 1008 Vorgänger), aber solange der Untergrund noch lebt, bleibt die Hoffnung.

Ralf Niemczyk, SPEX Nr. 4, April 1984, Seite 19

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Sell out: Rock & Werbung

Anthony DeCurtis fragt, ob Lou Reed 1985 der erste Rockstar war, der sich an die Werbung verkaufte.

Natürlich nicht.

David Bowie machte schon fünf Jahre zuvor Reklame für Crystal Jun Rock (japanischer Schnaps).

Und die Rolling Stones spielten bereits 1964 ein von Brian Jones für Kellogs komponiertes Werbejingle ein.

Einen sehr guten Überblick über die Verwendung von Rockmusik in der Werbung in den 1980er und 1990er Jahren (als alle Dämme brachen) hat Jack Doyle verfasst: Big Chill Marketing, 1980s & 1990s  (PopHistoryDig.com, October 22, 2008).

Teenage Jesus On Tour – Diary of A Jerk

Im November 1979 veröffentlichte Jerks-Bassist Jim Sclavunos im New York Rocker [1] sein Tagebuch zur Europa-Tournee. Ein Highlight war das Konzert in Nijmwegen am 20. Juni 1979:

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Threats were exchanged. Lydia threw a beer mug at a photographer and it shattered against his camera. (We later discovered that he was the promoter from Frankfurt, and that he had changed his mind about booking us there.)

This is a myth. I wasn’t the promoter from Frankfurt, I was the drummer of the Vomit Visions. And if I had been a promoter I would have booked the band anyway.

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Lydia Lunch, Nijmwegen, 20/6/79 © Dieter K

Bestätigt wird Volker Hs Einschätzung, dass der Auftritt von Lydia Lunch & Teenage Jesus im SO36 (wegen der Berliner Mentalität) nur absoluter Mist sein konnte:

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When we mounted the stage … little did we suspect … that it would be the worst Teenage Jesus performance ever seen. It was. So much for our legendary farewell.

 

[1] 1979 hatte der New York Rocker, eins der wenigen damals relevanten amerikanischen Musikmagazine, in Europa genau 5 (fünf!) Abonnenten: Drei Italiener sowie zwei Vomit Visions: Hans Wurst und Rola Rock.

Eddie And The Hot Rods

Der Sommer 1977 war in London zwar längst nicht so heiß wie der (heute legendäre) long hot summer of 76, [1] dafür hatte man – anders als in den Jahren zuvor – jeden Abend die Qual der Wahl unter einer Vielzahl vielversprechender Konzerte.

Ein Pflichttermin war die residency (fünf Konzerte hintereinander) von Eddie And The Hot Rods – gemeinsam mit Dr. Feelgood einer der wichtigsten Pre-Punk-Acts – im Marquee (90 Wardour Street).

Da ich damals die englischen Musikzeitschriften von vorne bis hinten las, kannte ich die Bedeutung der nummerierten Badges, die die Konzertbesucher beim Betreten des Marquee Clubs erhielten.

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NME, Melody Maker, Record Mirror oder Sounds?

Als Eric Hysteric & ich am zweiten Abend (Montag, der 22. August 1977) der Konzertreihe in den Marquee Club gingen, merkte ich mir die Nummer meines Badges und verstaute ihn sorgfältig.

Kurz bevor das Konzert losging, gab der DJ bekannt: „The winning number is 1551“.

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The winning badge on Monday night, 22/8/1977, Wasted Vinyl Collection

Ich schlug mich nach back stage durch und das erste, was mir auffiel, war der Gestank: So einen durchdringenden Duft kannte ich bislang nur von S*****S Schallplattenshop (Gießen) oder von 2001 (Frankfurt). [2]

Der DJ, ein dürrer Alt-Hippie mit extrem langen Haaren, empfing mich in seiner winzigen Kabine, beglückwünschte mich und erklärte, warum das Album besonders wertvoll sei: „All tracks are outtakes. Side one live recordings, side two from studio sessions. Never released before. And only 50 copies were pressed“.

In der (ebenfalls erstaunlich kleinen) Garderobe im Keller [3] sicherte ich mir die Unterschriften der Band. Dann machte ich mich auf die Suche nach Eric Hysteric (der von der ganzen Aktion nichts mitbekommen hatte) und präsentierte ihm stolz meine Rarität.

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Rods, Island Records, Rods 1, 1977, No. 47, Signed, Wasted Vinyl Collection

Mit der LP in der Hand konnte ich das Konzert nicht von meinem Stammplatz (an der Säule links vorne) verfolgen, sondern musste mich nach hinten verziehen. Von dort, maximal 20 Meter von der Bühne entfernt, hatte ich den perfekten Überblick.

Der Marquee war rappelvoll, das heißt, es waren so um die 800 Leute [4] da, wobei die „Normalos“ gegenüber den Punks deutlich in der Mehrheit waren.

Punk-Puristen wie Mark Perry hatten Eddie And The Hot Rods längst als old fashioned abgeschrieben, aber (nicht nur) an diesem Abend bewies die Band mit einem extrem starken Auftritt, dass sie auch auf dem Höhepunkt des UK-Punks noch immer zu den besten britischen Acts gehörte.

Leider blieb die perfekte Pop-Single „Do Anything You Wanna Do“, die die Rods am Donnerstag (25. August) bei Top Of The Pops vorstellten, ihr einziger Top-Ten-Hit.

Zum zweiten Mal sahen wir die Band am Freitag, den 26. August, beim Reading Festival 1977.

Trotz der sub-optimalen Verhältnisse – schlechtes Wetter, das Gelände war ein einziger Matsch & das Publikum bestand zu (mindestens) 98 Prozent aus old farts – gelang es Eddie And The Rods, die am Abend nach Uriah Heep und vor dem headline act Golden Earring spielten, die lethargischen Rockmusikfans zu begeistern.

Erstaunlicherweise waren die (fast) Original-Rods auch (fast) 20 Jahre später noch (fast) genauso gut. Vor maximal 25 Leuten (inklusive aller Angestellten) spielte die Band am 19. Januar 1997 im Franzis (Wetzlar) mit (fast) derselben Power wie damals im Marquee Club.

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photocopied liner notes by Ed Hollis, Wasted Vinyl Collection

A very special album of stuff what you ain’t heard before and has spent a lot of time hanging around on studio shelves featuring Barrie Masters, Steve Nicol, Paul Gray, Dave Higgs with guest appearances by Graeme Douglas and Lew Lewis.

Side 1

  1. You Cant’t Judge A Book By Looking At The Cover
  2. It Came Out Of The Sky
  3. Movin’
  4. Woolly Bully
  5. Keep On Keepin’ On
  6. Writing On The Wall

1-3 Live at the “Dejazet” theatre in Paris, 23rd October 1976.

4-6 Outtakes from the Rainbow gig that also made At The Sound Of Speed, 1977. Produced (sort of) by Ed Hollis.

Side 2

  1. I Might Be Lyin’ Radio Ad
  2. Get Out Of Denver
  3. Gloria
  4. All I Need Is Money
  5. All I Need Is Money
  6. Been So Long

1-2 Masters, Nicol, Higgs, Gray, Lew Lewis (harp) & Vic Maile (piano). Recorded at Jackson Studio Crickmansworth. Produced by Ed & Vic.

3 Studio demo: Barrie, Dave, Paul, Steve. Produced by Ed & Vic.

4 1st ever complete run through. It features additional lyrics by Barrie & Ed.

5 Started as a single by Chris Blackwell, producer of this version. Featuring: Paul, Steve, Dave, Barrie.

6 Steve, Paul, Dave, Barrie & Lew Lewis. Finished studio version not used because we used live on “Teenage Depression” album.

Produced by Ed.

Also: thanks to anyone and to Howard for getting it ordered etc.

Notes: Ed Hollis

 

[1] Wenn wir nicht gerade die Plattenläden in Soho abklapperten oder in der Denmark Street (Londons Tin Pan Alley) rumhingen, verbrachten Eric und ich den Sommer 1976 beim Tennis-Turnier in Wimbledon (Björn Borg, Jimmy Connors, Roscoe Tanner, Chris Evert, Martina Navratilova, Sue Barker) oder im Hyde Park: nachmittags schwimmen im Serpentine Lido, abends trinken in der Serpentine Bar.

[2] Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass es sich um den typischen Cannabisgeruch handelte.

[3] In dieser Garderobe hatte sich David Bowie am 20. Oktober 1973 auf seinen letzten Auftritt als Ziggy Stardust vorbereitet.

[4] Ab 500 Besuchern galt ein Konzert im Marquee als ausverkauft.

Sex Pistols, Original 1977 Virgin Records Promo Poster, designed by Jamie Reid

Vor ziemlich genau 40 Jahren, an einem heißen Nachmittag im August 1977, schlenderten Eric Hysteric und ich – genau wie unzählige andere Touristen, Trendies & Pseudo-Punks – die King’s Road vom Sloane Square runter bis nach World’s End, wo Vivienne Westwoood und Malcolm McLaren ihre Boutique Seditionaries betrieben.

In Bezug auf Kleidung hatte uns der (total dunkle und schön kühle) Laden nix zu bieten, aber für weniger als ein Pfund (rund drei Deutsche Mark / 1,5 Euro) gab es dort die von James Reid gestalteten Promo-Poster zu den damals aktuellen Singles der Sex Pistols zu kaufen.

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God Save The Queen, Original Poster, Virgin Records, 1977, Wasted Vinyl Collection

Bei eBay wird „God Save The Queen“ gerade für 2.900 Dollar angeboten:

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Screenshot: eBay

Und Pretty Vacant dürfte sogar noch wertvoller sein.

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Pretty Vacant, Original Poster, Virgin Records, 1977, Wasted Vinyl Collection

Musikjournalismus in der BRD, Punk und der Mythos von den (angeblich) unabhängigen Labels

Fragmente aus den 1980er & 1990er Jahren, aktualisiert und remixed 2017.

Wie richtig Eric Hysterics Analyse der deutschen Musikpresse war, zeigte sich spätestens 1986, als Hans Magnus Enzensberger für den Bereich der Literatur zu genau demselben Ergebnis kam, wie Eric sieben Jahre zuvor. In einem Aufsatz für die Neue Zürcher Zeitung beschrieb Enzensberger den Übergang vom Kritiker zum Zirkulationsagenten so:

Für den Kritiker seligen Angedenkens war die Literatur ein Nexus von Schriften, die er liebte oder hasste, bewunderte oder verwarf. Dagegen interessiert den Zirkulations-agenten nicht der Text, sondern der Trend, den er aus seinen Eingeweiden liest. Sieger ist, wer den Trend als erster ansagt, Verlierer, wer als letzter wiederholt, was angesagt ist (ENZENSBERGER 1988.57f).

Verschärft wurde diese Tendenz im Musikbereich durch die traditionelle Nähe zwischen Industrie, Musikern und Journalisten (häufig selbst mehr oder weniger verhinderte Musiker und/oder als Labelbesitzer, Konzertveranstalter, Manager etc. in die Musikvermarktung involvierte Männer und Ingeborg Schober).

Üblicherweise integrierten die Konzernlabels Journalisten in ihre Verwertungsstrategien auf einfache (und billige) Art und Weise: Durch das Verteilen von kostenlosen PR-Exemplaren der neuesten Produkte und der Regulierung des Zugangs zu Stars (kostenlose Konzertkarten, Gewährung von Interviews).

Weit verbreitet war außerdem die Vergabe von Aufträgen zum Verfassen von Werbetexten (besonders erfolgreiche Journalisten vervielfachten ihre bescheidenen Zeilenhonorare mit dem Schreiben von „Waschzetteln“). Möglich war auch die Arbeit als Berater, als Talentscout und manchmal sogar als Produzent. Ein Beispiel ist Uwe Nettelbeck (Konkret), der 1971 für Polydor, ein Label des deutsch-holländischen Musikkonzerns DG/PPI (später PolyGram), die neuen Beatles eine Rockband (Faust) zusammenstellte.

Einige Zirkulationsagenten betrieben parallel zur ihrer journalistischen Arbeit eigene Labels. In diese Kategorie gehören Möchtegern-Mogule wie Rolf-Ulrich Kaiser (Ohr, Pilz, Kosmische Kuriere) und Alfred Hilsberg (Zickzack, What’s So Funny About), die – unbeeindruckt von professionellen Standards oder dem Berufsethos von Journalisten – ihre eigenen Produkte mit (wenn überhaupt) nur notdürftig als redaktionelle Beiträge getarnten Texten scham- und hemmungslos bewarben.

In den 1980er Jahre ging das Rezensenten-Problem [1] in der BRD, zumindest in Bezug auf die Musikrezeption eines sich selbst als Elite verstehenden Publikumssegments (Sounds– und SPEX-Leser und andere Möchtegern-Hipster), in eine neue Phase über:

Junior-Journalisten wie Diedrich Diederichsen inszenierten sich als Diskurse dominierende Denker, tarnten die Schlichtheit ihrer Gedanken mit terminologischem Geschwurbel und verklärten die Popmusik insgesamt, das heißt, ohne dabei auf die gravierenden Unterschiede zwischen den verschiedenen Genres zu achten, zu einem – aus „linker“ Perspektive – progressivem Medium.

War schon über Punk jede Menge Unsinn geschrieben worden, so gab es kein Halten mehr als MTV auf dem Bildschirm erschien: Jetzt wurde wild drauflos dekonstruiert und kein Werbefilmchen war zu schlicht, um darin nicht die eine oder andere geheime – natürlich subversive – Botschaft dechiffrieren zu können.

Auf Basis falscher Prämissen – u. a. Musik- und Modegeschmack als Indikator für die politische Einstellung – und falscher Analysen – u. a. des Phänomens Punk – entstand post-festum eine „linke“ „Pop-Theorie“, bei der Popmusik – und zwar generell und „immer und überall“ (Erste Allgemeine Verunsicherung) – für Autonomie und Dissidenz, für Rebellion und Subversion steht.

Dabei blieb von Anfang an unklar, was diese Lifestyle-Journalisten eigentlich unter „links“ verstanden: An die Stelle ökonomischer Analysen der Kulturindustrie trat die Verherrlichung des eigenen Musikgeschmacks. Eine selbsternannte Geschmackselite erfand eine Subkultur, die sich (angeblich) grundsätzlich von der verachteten Massenkultur unterschied.

Im Zentrum dieser Nischenkultur stehen die „Independents“, angeblich unabhängige Labels, die als verständnisvolle Partner die Kreativität der Musiker fördern und diesen Mittel zur Verfügung stellen, damit sie – unbehelligt von kommerziellen Erwägungen – ihre künstlerischen Visionen verwirklichen und Musik produzieren können, die vom Publikum – im Unterschied zu den Verhältnissen im „Mainstream“ – nicht einfach nur passiv konsumiert wird, sondern aktiv verarbeit wird: Eine „linke“ Musik, die Denkanstöße liefert, Identitäten prägt & Subkulturen stärkt usw.

Unter konsequenter Ausblendung der Realität, in der Kunst und Kommerz untrennbar miteinander verbunden sind (vgl. FRANK 1997), konstruierten Diederichsen & seine Jünger einen „Kampf“ zwischen zwei Lagern, die sich (angeblich) fundamental voneinander unterscheiden und sich unversöhnlich gegenüberstehen: die Majorlabels und die (angeblich) unabhängigen Labels.

Leider merkten die wackeren Apologeten der „Indie-Kultur“ nicht, dass sie – genau wie ihre Vorgänger, die verdeckten Werber [2] – „Anhängsel der Maschinerie“ (im Sinne von Theodor W. Adorno) sind: Nützliche Idioten, die mit ihrem Geschwätz zum Verblendungszusammenhang beitragen, der vom Wesentlichen ablenkt.

Die „Kids“ waren noch nie „alright“.

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The Damned, 1st Anniversary Gigs, Marquee Club, 3. bis 6. Juli 1977

Heute vor 40 Jahren fand das erste von vier angekündigten Jubiläumskonzerten der Damned im Marquee in der Londoner Wardour Street statt.

Weil die Band das Club-Management verärgerte, wurde die Reihe nach dem zweiten Abend abgebrochen.

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Original Poster, Wasted Vinyl Collection

Und Stiff blieb auf einem Haufen der Single „Stretcher Case Baby“ b/w „Sick Of Being Sick“ sitzen (Auflage: 5.000), die an die Konzertbesucher verteilt werden sollte.

ISSUED FREE AS A FIRST ANNIVERSAY GIFT

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Stretcher Case Bay / Sick Of Being Sick, Stiff Records 1977, Wasted Vinyl Collection

Wie bei Stiff üblich, gab es auch wieder Botschaften in der Auslaufrille:

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Seite 1: I SAID YOU BETTER HAVE THE ALBUM I SAID YOU BETTER HAVE THE ALBUM

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Seite 2: ONE YEAR OLDS

 

Auf dem Label der B-Seite war zu lesen:

EASILY  DESTRUCTABLE STEREO

NOT FOR SALE

Special snobs collectors artifact of no historical/cultural value.

Play it today. Throw it away.

Why sell ‚em when you can give ‚em away.

 

 

Der Durstige Mann – Kind Für Immer

Wie der Intellektuelle es macht, macht er es falsch.

Er erfährt drastisch,

als Lebensfrage die schmähliche Alternative,

vor welche insgeheim der späte Kapitalismus

alle seine Angehörigen stellt:

auch ein Erwachsener zu werden oder ein Kind zu bleiben.

 

Theodor W. Adorno, Minima Moralia

 

Für Eric Hysteric war die Antwort auf die Lebensfrage im späten Kapitalismus klar:

Ich bin schon groß,

aber noch sehr klein.

Ich will ein Kind für immer sein!

 

Spiel‘ mit Matchbox cars,

eß‘ Eiscreme und Mars,

Donald Duck und Fun –

mein ganzes Leben lang.

 

Spiel‘ im nassen Sand,

mal‘ Bilder an die Wand.

Keiner kann mich nicht stören,

wenn Alf und Batman mich betören.

 

© Eric Hysteric 1990

 

Der Durstige Mann bei Spotify, iTunes, Amazon Unlimited, Apple Music & Co.:

Ein kleiner Schritt für die Menschheit – ein großer Schritt für Der Durstige Mann!

MP3 Download hier

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Sorry, Downloads & Streams are only available in Germany, Austria and Switzerland.

Vom Album „Hellblaun“, Orgasm 14, Orgasm Records 1990.

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„Hellblaun“, Signed by Eric & Oskar, Wasted Vinyl Collection

 

 

Spandau Ballet: Fünf Freunde sollt ihr sein

Interview mit Spandau Ballet: Frankfurt, Hotel Intercontinental, Dienstag, 22. Januar 1985 [1]

DK: Erinnert ihr euch noch an die TV-Aufzeichnung in Neuwied (25. September 1984)? Rock Pop Music Hall für das ZDF?

[Beim gemeinsamen Abendessen im Hotel am schönen Rhein mit den Labelkollegen von Ultravox hatten sich Spandau Ballet so besoffen, dass sie später beim Playback-Auftritt (für ihre Verhältnisse) wild über die Bühne wirbelten und am Schluss die geliehenen Instrumente zertrümmerten (Sachschaden circa 17.000 DM)].

Martin Kemp: Klar. Das war sehr lustig. So was passiert uns nicht jeden Tag.

John Keeble: Unsere eigenen Instrumente behandeln wir natürlich  nicht so. Ich weiß nicht, was eigentlich los war. Das war nicht geplant. Ist einfach so passiert.

 

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Only When You Leave / Paint Me Down (Live), Pic Disc / Shape Disc, Single, Chrysalis (UK), spanp 3, 1984, Signed, Wasted Vinyl Collection

DK: Ihr spielt jetzt seit sechs Jahen zusammen. Hat sich in der Zeit das Verhältnis innerhalb der Band verändert?

Martin Kemp: Wir waren schon miteinander befreundet, bevor wir die Band gründeten. Auch heute sind wir noch miteinander befreundet.

John Keeble: Wir haben alles gemeinsam erlebt: Vom ersten „öffentlichen“ Auftritt in unserem Übungsraum in Islington, bis zu sechs ausverkauften Konzerten in der Wembley Arena. Wir haben uns bisher immer vertragen, und ich sehe keinen Grund, warum sich das in den nächsten zehn Jahren ändern sollte.

DK: Eure Karriere war von Anfang an gut geplant. Warum habt ihr eine eigene Plattenfirma, Reformation, gegründet?

John Keeble: Ganz einfach. Wir haben die Bücher über die 60er und 70er Jahre gelesen. Wir wissen, wie dieses Geschäft funktioniert. Wir kenne alle Tricks, mit denen die Künstler um ihren verdienten Lohn gebracht werden. Uns kann kein cleverer Manager übers Ohr hauen.

Martin Kemp: Wir haben alles unter Kontrolle. In England machen wir alles selber: Produktion, Promotion. Wir buchen die Konzerte usw. Chrysalis hat nichts weiter zu tun, als die Platten zu pressen und zu vertreiben.

John Keeble: Unser Manager [Steve Dagger] ist nur ein Jahr älter als ich. Er ist praktisch das sechste Mitglied der Band. Ihm vertrauen wir.

DK: Gibt es wirklich keinen Streit um die Verteilung der Einnahmen? Gary verdient als Songwriter doch sehr viel mehr als ihr anderen?

Martin Kemp: Wir streiten nicht, obwohl wir Brüder sind.

John Keeble: Wir sind sehr zufrieden mit der Rollenverteilung. Jeder weiß, was er kann, und was seine Aufgabe innerhalb der Band ist. Finanziell haben wir alles geregelt, da wird keiner benachteiligt.

Martin Kemp: Wir waren, sind und bleiben fünf Freunde.

Es dauerte dann noch ein paar Jahre, bis John, Tony Hadley und Steve Norman auf die Idee kamen, dass ihnen ein größerer Anteil an den – nach Karriereende – nicht mehr so sprudelnden Einnahmen zustehen könnte:

Am 27. Januar 1999, knapp zehn Jahre nach Auflösung der Band und 14 Jahre nach dem Interview, reichten die drei Klage gegen Gary Kemp ein, der als Songschreiber und Musikverleger [Reformation Publishing] (damals) noch immer hohe Einnahmen aus der Rechteverwertung (Tantiemen für Medieneinsätze und Tonträgerneuauflagen) hatte. [2]

Und da sie keinen schriftlichen Vertrag vorweisen konnten, war das Urteil keine Überraschung: Die Klage wurde abgewiesen – und die Berufung ein paar Monate später zurückgezogen.

Inzwischen vertragen die fünf sich wieder & und gehen gemeinsam auf Tour. [3]

Weniger gut war die Idee, die alten Songs neu aufzunehmen: Das Album „Once More“ (Mercury, 2009) kann man getrost vergessen.

 

[1] Dies ist der heute noch interessante Teil des Interviews: Die Passagen über die „World-Parade“-Tour („Der Unterschied zwischen Nürnberg [schlecht] und Frankfurt [sehr gut] ist größer als zwischen Tokio und London“), Groupies („Die deutschen Girls sind besonders wild“), Tony Hadleys Frau Leonie („eine blasse Blondine im schlichten Wollkleid“) und Martin Kemps (damals noch) heimlicher Freundin Shirley Hollis („Next question, please“) bleiben besser im Archiv.

[2] Garys Bruder Martin schloss sich der Klage nicht an.

[3] Oder auch nicht mehr:THStatement2017-07-03.jpg