Teenage Jesus & The Jerks, Nijmwegen, 20. Juni 1979

Von Hans Wurst (Same Old Song, Nr. 25, August 1979)

Das Größte!

Die mageren Jahre sind vorbei!

Teenage Jesus & The Jerks spielen in Deutschland!

Sie kommen ins SO 36!

Wir fahren natürlich hin. Von den Zieseln dort erfahren wir, dass es abgesagt ist und überhaupt 40 DM Eintritt kostet. Na gut, wir fahren also wieder zurück.

TicketNowNewYorkNijmwegen

Während das Ticket in Berlin unverschämte 40 DM kostete, waren in Nijmwegen nur 7,50 Gulden fällig (und schönere Frauen gab/gibt es in Holland sowieso), Wasted Vinyl Collection

3 Tage später ab nach Nijmwegen, Holland

Vorgruppe die verheerende Adele Bertei (die obendrein noch James Chance ähnlich sieht – mit anderen Worten, sie sieht aus wie ein Affe!).

Die Holländer trauen sich nicht vor die Bühne.

Sodann zum zweiten Mal die Filme von Scott und Beth B. – Gott sei Dank wenigstens mit besserer Akustik als in Berlin [1].

Inzwischen ist es halb 12 – seit Stunden sind wir in Holland und warten auf Lydia Lunch.

Die Diva lässt sich Zeit … Murren im Publikum, die holländischen Hippies werden allmählich ungeduldig – und das will was heißen.

Keine Punks zu sehen, nichts dergleichen.

2 Typen schleichen auf die Bühne (die man durch den Saal betreten muss, es gib kein Backstage): der Bassist und der Schlagzeuger mit seiner bekannt lächerlichen Ausrüstung.

Die beiden setzen sich hin – so, jetzt fehlt nur noch die unerträgliche Lydia, bald muss sie kommen!

Woher, die denkt gar nicht daran.

Nichts passiert.

Die beiden sitzen völlig starr da und im Saal nimmt die Unruhe zu.

Das Publikum ist sauer.

Pfiffe sind zu hören – und da: nach 15 Minuten kommt sie immer noch nicht!

Man hört gerüchteweise, sie soll im Krankenhaus liegen – hoffentlich wird sie von Nierenkoliken geplagt!

Dann erscheint sie – im neckischen weißen Kleidchen, das vielleicht zu einer unbedarften 15jährigen gepasst hätte. Sie ist weit hässlicher, als ich mir das vorgestellt habe, genauer gesagt: ein Monstrum.

Die Holländer schimpfen und es geht natürlich sofort mit der Stänkerei los: „Ruhe auf den billigen Plätzen, wenn euch was nicht passt, haut doch ab“ etc – die üblichen Sprüche der Lydia Lunch.

Aber dennoch – zum ersten Mal in meinem Leben habe ich den Eindruck, dass es nicht nur Showbusiness ist.

Lydia wirkt auf mich wie die widerlichste Existenz der Welt (Bradly Field wird mir das später in New York bestätigen).

Sie scheint das Publikum wirklich zu verachten – und offenbar genauso ihre Mitstreiter.

Die sogenannte Musik setzt ein.

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Ein Becken, eine Snare Drum & Bradly Field © Dieter K

Teenage Jesus in Aktion! – Hack, Hack, Hack – 30 Sekunden später stop.

Ohne ihn anzusehen, schreit sie ihren Bassisten an: „You’re instrument seems out of tune, so fix it up, asshole!“

Als ob DIE beurteilen könnte, ob ein Instrument gestimmt ist!

Überall Blitzlichter. Lydia wird fotografiert von überall her. Das scheint ihr zu missfallen und sie legt sich sofort mit jemanden an.

Dieter macht eifrig Fotos. Ein Fehler, wie wir sehen werden …

Hack Hack Hack. Alle 30 Sekunden ein Lied. 822, Crown Of Thorns, Red Alert usw.

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Teenage Jesus & The Jerks, Setlist 20/6/79, handwritten by Lydia Lunch, Wasted Vinyl Collection

The Greatest Hits of Teenage Jesus. Und dazu diese liebliche Stimme …!

Stop.

Lydia: „Wenn ihr Arschlöcher nicht aufhört zu knipsen blitzen, spielen wir nicht weiter.“

Zwischenrufe.

Frage aus dem Publikum: „Are you sure, you are human?“

Lydia: „No. I’m an dirty animal and so are you!“

Die Hippies sind beleidigt und pöbeln rum. Die Sache wird ungemütlich. Hass auf allen Seiten.

Lydia wendet sich an Dieter: „Hör gefälligst auf, mich zu fotografieren, sonst krachts.“

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Das Monstrum © Dieter K

Er steht direkt unter ihr und macht natürlich fleißig weiter.

Schon hat sie drohend ein (allerdings leeres) Bierglas in der Hand und spielt damit auf ihrer Gitarre rum (ihre Vorstellung von Slide-Guitar).

Hass.

Krawall.

Und jetzt – urplötzlich und ohne Vorwarnung – knallt sie das Bierglas dem verdutzten Dieter voll in die Fresse.

Ich hab’s gar nicht mitbekommen, aber er wird’s noch 2 Wochen später spüren.

Das Konzert ist unterbrochen. Tumulte.

Von Neuem setzt die Musik ein.

Doch jetzt reicht es Lydia: sie ist böse.

Nach weiteren 30 Sekunden Krach und Musik verlassen die 3 unter Drohungen die Bühne, mitten ins Publikum.

Sie haben Glück, dass sie im friedlichen Holland sind und nicht in Hamburg. Das wäre übel ausgegangen.

Das Konzert dauerte keine 10 Minuten. Wir waren begeistert (Dieter verständlicherweise etwas weniger, er stieß die ganze Zeit nur irgendwelche Flüche in Richtung Lydia Lunch aus). Rola und ich hatten das beeindruckendste Konzert unseres Lebens gesehen.

Für diese 8 Minuten sind wir schließlich 1.700 km gefahren!

Lydia Lunch ist eine Volksseuche!

Die Leute, die Teenage Jesus 2 Wochen später im SO 36 sahen, können sich allenfalls einbilden, sie hätten die echte Lydia Lunch gesehen.

In Berlin waren sie nämlich sehr beliebt (Schickeria-Mentalität). Und dabei kann nichts rauskommen.

Lydia ist nur wirklich scheußlich, wenn die Atmosphäre stimmt.

Und das Beste an der Story: Sie wird im New York Rocker erwähnt (Nov. 79, No. 24).

Dieter als Medienpersönlichkeit!

Darauf bin ich natürlich ganz besonders neidisch.

Aber im „Rocker“ wird die Sache ganz falsch dargestellt (das Glas ging nicht mal kaputt – Dieter hat eine viel zu weiche Birne – und wir sind auch keine Promoter aus Frankfurt, da hat sich nur einer aus unserer Begleitung in Berlin wichtig gemacht.)

Lest die Geschichte mal nach, es sind nur ein paar Sätze – wenn ihr mich jetzt allerdings fragt, was der New York Rocker ist, dann habt ihr es tatsächlich geschafft: Hans Wurst ist sprachlos – ein wahrhaft seltenes Ereignis.

Lydia hat ihren Exorzismus hinter sich. Da fällt mir übrigens noch eine lustige Geschichte von ihr ein:

Vor irgendeinem Club in New York (Max’s?) warteten die Fans auf den Einlass zu einem Dead Boys Konzert. Ms. Lunch unter ihnen. Eine Reporterin interviewt die Fans, was sie von den Dead Boys halten.

Dann kommt sie zu Lydia:

„What do you think of the Dead Boys?“

„They are good fucks!“

„How can you tell?“ fragt die erstaunte Reporterin.

„Well, I fucked them all.“

Teenage Jesus wird es nie wieder geben.

Heute machen sie Hitparadenmusik.

 

[1] Das beste an den Filmen war der Soundtrack. Hans Wurst war so begeistert, dass er sich schon in Berlin an die beiden Filmemacher heran machte. Die wollten gerne über ihre Werke diskutieren und waren ziemlich erstaunt, als er nur Fragen zur Musik hatte. In Nijmwegen ergatterte Hans Wurst dann ihre Adresse und ein paar Monate später holte er sich in New York ein Tonband mit der Filmmusik ab.

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