Der Weltuntergang

Von Eric Hysteric (Ultra Hard Core Punk Sounds, Nr. 33, Februar 1981)

Ein Einkaufsbummel bei Rough Trade ist ja meistens eine einzige Enttäuschung: Entweder haben sie die Edelsteine der Westküste überhaupt nicht, oder erst dann, wenn sie schon lange Klassiker sind.

Wie oft wurde ich schon dumm angeguckt oder ausgelacht, wenn ich mit meinen Listen ankam. Die dachten wohl, ich wollte sie verarschen.

So ging ich auch Anfang Januar mit unguten Gefühl hin. Meine frische Liste hatte ich gerade erst zusammengestellt – wie meistens nach Vorlesungen und musikalischen Beispielen des Punk-Professors.

Doch diesmal war ich echt überrascht: Ich bekam immerhin die Circle-Jerks-LP „Group Sex“, das neue Slash-Live-Album „The Decline Of The Western Civilization“, einen Punk-Pop-Sampler, sowie die Black Flag 12 Inch „Jealous Again“.

Soviele erstklassige Platten hatte ich noch nie in meinen Leben an einem Tag gekauft.

Doch fangen wir hinten an.

Jealous Again

Black Flag – Jealous Again EP (SST)

Volker hat Recht! Dies ist die beste Gruppe überhaupt. Ist die A-Seite mit „Jealous Again“ und „Revenge“ für Black-Flag-Verhältnisse eher verhalten (für euch Lahmtreter sowieso zu schnell), so gibt’s auf Seite B Volldampf: „White Minority“, „No Values“, „You Bet We’ve Got Something Against You“ haben mehr Gewalt als ein Erdbeben und sind schneller als jeder Orkan.

Auf jeden Fall haben Black Flag den schärfsten Gitarrensound überhaupt. Absolut fantastisch.

Rodney

„Rodney On The ROQ“ (Kompilation, Posh Boy)

Das beiliegende Heft verkündet, dies sei der beste LA-Sampler überhaupt – stimmt

sicher nicht.

Zuviele Popgruppen entschärfen das Gesamtbild.

Die zwei besten Bands des LA-Punks sind vertreten, doch sind die Circle Jerks mit ihrer Fassung des Oldies „Wild In The Streets“ nicht in Höchstform und „No Values“ von Black Flag gefiel mir besser auf der 12-Inch-EP.

Das Nuns-Stück „Wild“ klingt wie ein frühes Werk von Blondie.

UXA kann man abschreiben und Rik L Riks „The Outback“ gehört eher auf eine Psychedelic-Kompilation der 60er Jahre …

Guten Powerpop bringen

The Crowd „Right Time“,

David Microwave „I Don’t Want To Hold You“ und die

Simpletons „TV Live“.

JETZT KOMMT’S!

Group Sex

Circle Jerks „Group Sex“

Die zweitbeste LP des Punks (jetzt werdet ihr langsam ungeduldig, hä?). Jeder Versuch einer Plattenkritik wäre eine Verleumdung!

Es sei nur erwähnt, dass man die 14 Lieder dieser LP bequem in einer Viertelstunde durchhören kann.

Wie sagt doch mein Professor: Wer diese LP nicht hat, ist ein armes Schwein!

Ich kann mich nur anschließen.

Decline

„The Decline Of Western Civilization“ (Slash)

Dieses Live-Album ist das Geschichtsbuch des LA-Punks: Primitives Gehacke mit dummen Geschwätz dazwischen.

Was will man mehr?

Vertreten sind die Germs, Black Flag, Catholic Discipline (der einzige Langweiler), X, Circle Jerks, Alice Bag Band und Fear.

Fears Live-Version von „I Love Livin In The City“ überragt die Single bei weitem.

„Beyond And Back“ ist das beste Stück von X.

Die Germs sind leider nur mit „Minmal“ vertreten.

Von den Circle Jerks hatte ich live mehr erwartet. Sie sind scheinbar mehr eine Studiogruppe.

Doch gegen Black Flag sind ja alle kleine Fische.Sie sind unbestreitbar die schnellste Gruppe der Welt, und die beste.

„Depression“ ist das erste Lied, von dem ich glaube, dass es nicht mehr übertroffen wird. Höchstens von Black Flag selber.

Vergesst „1979“ von den Pagans und hört euch Black Flag an.

Aber halt, ich hab‘ „The Decline Of The Westen Civilization“ noch gar nicht durchgehört.

Da kommt plötzlich die Alice Bag Band mit „Gluttony“. Fängt langsam an und wird mittendrin superschnell und chaotisch – noch schneller als Black Flag – der Weltuntergang.

Und diese LP ist auch noch der Soundtrack des gleichnamigen Films von Penelope Spheeris. Gibt’s danach noch einen Grund weiter zu leben?

P.S.

Hoffentlich schreibt Volker H. bald einen Bericht über die Alice Bag Band (ich kenne von ihnen nur dieses eine Stück).

Inzwischen werde ich jeden Tag nervöser, es scheint mir eine Ewigkeit, bis ich endlich ins Paradies (L.A.) komme.

Black Flag – Reicht mir bitte den Apfel!

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