All Time Punk LPs Top Twenty (Stand Dezember 1979)

Von Hans Wurst (Same Old Song, Nr. 26, Dezember 1979)

Nachdem ich in der letzten Nummer die 20 besten Lieder des Punks vorgestellt – und damit alle anderen eventuell konkurrierenden „Hitparaden“ ad absurdum geführt – habe, nehme ich mir heute die LPs vor.

Watch out, Eric.

Vorneweg muss ich aber erklären, dass das durchaus nicht so einfach ist. Punk ist und bleibt Singles-Musik (sofern Punk nicht ohnehin Live-Musik ist). Ich hatte echt Schwierigkeiten, 20 wirklich erwähnenswerte Alben zusammen zu kriegen. Und mehr als vielleicht 30 bis 35 gibt’s mit Sicherheit nicht!

Nun mag es Leute geben, die mir jetzt vorrechnen werden, dass ja schon allein die Gruppen Clash, Jam, E. Schmotzello, Stranglers und ähnliche Hampelmänner an die 15 LPs rausgebracht haben! Aber schließlich könnte ich dann ja auch Grateful Dead und die Kinks dazurechnen. Nein! Wir bleiben hier unter uns.

It's Alive

Nr. 20 und damit Schlusslicht (rote Laterne!) belegen die Ramones mit „It’s Alive“, ihrer Live-Doppel-LP. Endlich mal wieder was 100%iges von denen. Im Übrigen sind die Ramones ja wohl fertig?!

Streets

Nr. 19 „Streets“. Der beste englische Punk-Sampler überhaupt, mit dem alles überragenden Stück „Is God A Man“ von Arthur Comics.

Suicide Commando

Nr. 18 „Make A Record“, die erste LP der Suicide Commandos. Es gibt sehr wenige LPs, die wie diese von vorne bis hinten durchfetzen. Vom Stil her erinnern sie an die erste LP von Wire (auch eine gute Platte). Die Suicide Commandos sind aus Minneapolis, USA.

Never MInd

Nr. 17 Sex Pistols „Never Mind The Bollocks“. Oha! Ganz schön abgeschlagen, würde ich sagen. Ich war nie ein großer Fan der Sex Pistols, fand immer, dass es zehn bessere Gruppen gab. Der Stil der ersten LP ist mir irgendwie, ja wie soll ich sagen, er ist mir tatsächlich zu heavy. Insgesamt und absolut gesehen natürlich fantastisch. Etwas besser ist die

Spunk

Nr. 16 Sex Pistols „Spunk“. Dieselben Lieder, bloß halt im Sound besser, weil roher, brutaler, unfertiger.

LiveAt

Nr. 15 „Live At The Rat“. Einer der frühen Sampler aus den USA. Man muss jedoch sagen, dass Licht und Schatten dicht beieinanderliegen. Da gibt es Gruppen wie Infliktors und Thundertrain, die wirklich das Übelste vom Üblen darstellen, beschissener Heavy Rock. Andererseits Willie Alexander mit der besten Version von „Kerouac“ sowie DMZ und die Real Kids. Die beiden letztgenannten Gruppen bringen es dermaßen, dass sie das Album bis auf Platz 15 hochhieven. Ohne die wäre die Platte schätzungsweise auf Nr. 18.000.412 gelandet. Rat ist übrigens die Abkürzung für Ratskeller, einem Lokal in Boston. Believe it or not!

Public

Nr. 14 PIL „Public Image Ltd.“ Als die erste Single rauskam, gefiel sie mir sofort besser als die Sex Pistols. Und mit der LP bringen PIL noch mal eine Steigerung mit dem unglaublichen „Theme“. So ziemlich der übelste Krach, den ich je gehört habe. „Theme“ verdankt auch Keith Levene seine Einstufung als zweitbester Punk-Gitarrist überhaupt (Nr. 1 ist Johnny Strike, der Rhythmus-Gitarrist von Crime). Für die Frechheit, Keith Levene rauszuwerfen, sollte man die Clash heute noch aufhängen.

Fulham Fallout

Nr. 13 Lurkers „Fulham Fallout“. Das Debütalbum der Lurkers. Bestätigt mühelos die hoch gespannten Erwartungen nach den starken ersten Singles. Obwohl man sagen muss, dass die Originalversionen von „Shadow“ und „Be My Prisoner“ wesentlich stärker sind. Aber da ist halt noch „I’m On Heat“. Heat, I’m on Heat!

An 1

Nr. 12 „An 1“, die erste LP von Plastic Bertrand. Das ist natürlich etwas peinlich, hier mit so einer Platte aufzuwarten. Aber halt! Ihr kleinen Zwulche habt das Album bestimmt noch nie gehört, ihr kennt

wahrscheinlich nur „Ca Plane Pour Moi“ und Plastic Bertrands lächerliche Musikladen-Auftritte!

Diese LP ist die absolut bester Power-Pop-LP überhaupt (und „Ca Plane Pour Moi“ das beste PP-Lied), und weil ich Power Pop immer als Untersparte von Punk angesehen habe, gehört sie eben hier rein. Wer diese LP nicht kennt – Maul halten!

Real Kids

Nr. 11 Die Real Kids LP. Stilistisch kein reiner Punk, eher R&B-Punk mit Power-Pop- und Rock’n’Roll-Einflüssen. Stark! Leider scheint es die Band nicht mehr zu geben.

Times Up

Nr. 10 Buzzcocks „Time’s Up“. Mit dieser Bootleg-LP wurde schlagend bewiesen, wie schlecht im Grunde Pete Shelley und seine heutigen Buzzcocks sind. Einfach gewöhnlich. Dieses Album ist original brutaler Punk, kaum von der „Spiral Scratch“ EP zu unterscheiden. Ist ja auch von 1976. Der bekannte amerikanische Kritiker Ken Barnes (Beach Boys Fan) hat gesagt, dass eben dieser Sound unerträglich sei! Und das, obwohl er New Wave Fan ist! Ken Barnes hat sich damit für immer die rote Karte verpasst!

Eternally Yours

Nr. 9 Saints „Eternally Yours“. Obwohl die Saints damals die Unverschämtheit besaßen, Bläser auf die Bühne zu bringen (hier, glaube, ich auf zwei Tracks), sind sie eben einmalig. Wer hat einen satteren Sound? Wer hat noch mehr Power drauf? Wenn es je eine Gruppe gegeben hat, die an der kriminellen Schwachsinnigkeit ihrer Mitglieder gescheitert ist, dann die Saints.

Ramones

Nr. 8 Ramones, die 1. LP. Eine der allerersten Punk-LPs (als erste würde ich „Girl Crazy“ von den Dictators bezeichnen), und eine der besten. Die Ramones sind ja die stilistisch einheitlichste Band der Popgeschichte. Deshalb ist es im Grunde gar nicht möglich, irgendwelche Unterschied rauszuhören: Ein Lied wie das andere. Was will man mehr? Leider sind die Ramones da anderer Meinung.

Suicide

Nr. 7 „Suicide“, Von Suicide hab‘ ich das erste Mal was auf der „Max’s Kansas City“-LP gehört. Dann lange, lange Zeit nichts mehr. Man hörte, die Gruppe, sowieso nur zwei Leutchen, hätte sich aufgelöst. Und dann dieser Brutalhammer. Vom Inhalt her reiner Punk, von der Form her eher Psychedelic/Hippie-Muzak (abgekupfert übrigens bei den Silver Apples, ca. 69/70). New York at its best. Als Suicide in Berlin war (ich wage es kaum zu sagen, als Vorprogramm von Elvis Costello), war die Meute auf Pop eingestellt. Nach zwei Minuten: völlige Leere und Ratlosigkeit. So ist’s recht: It’s not only a dance craze!

Leave Home

Nr. 6 Ramones „Leave Home“. Die beste Ramones-LP (aber nicht mit dem besten Ramones-Lied. Das ist „I’m Against It“, gelle Erich!)

Ivy Green

Nr. 5 Ivy Green. Aus Amsterdam kommen die und sind völlig unerreicht im gesamten Punk. Es gibt keine andere LP, die so sehr ununterbrochen Punk-Power bringt. Keine langsame Stelle auf der ganzen LP! Hier hört sich auch jedes Lied wie das nächste an. Die Gruppe ist wirklich sehr unbekannt. Ich kenne von ihr nur noch ein Stück auf einem holländischen Sampler. Das ist aber nicht so doll. I’m sure we’re gonna make it alright!!!

Damned

Nr. 4 Dreimal Damned. Die beste englische Punk-LP und auch die erste. Jeder weitere Kommentar ist überflüssig. [Produziert von Nick Lowe! Auf Stiff!!!, Dieter K]

Stranded

Nr. 3 Saints „I’m Stranded“. Als diese Platte im Sommer 77 rauskam, war sie sofort meine Lieblings-LP. Kein Stück auf ihr, das nicht mindestens einmalig ist. Mir fehlen einfach die Worte, um sie genug zu loben. Ich hätte sofort 100 DM gewettet, dass sie nicht mehr überboten wird. Doch dann, an einem freundlichen Donnerstag im Oktober 79 kam per Post die

T&N

Nr. 2 „Tooth & Nail“. Ich hatte hoch gespannte Erwartungen, schließlich spielen auf ihr etliche wohlbekannte Bands (Germs, Controllers, Flesh Eaters, Negative Trend etc.). Alles Gruppen aus San Francisco oder Los Angeles. Und dass aus dieser Ecke die besten Bands kommen, weiß ohnehin jeder, der kein Depp ist. Als ich die Platte fertig gehört hatte, war sie Nr. 1!!! LA hat ja einen ganz bestimmten Sound. Der muss natürlich gefallen: sehr schnell, relativ dünn (d.h. ohne viel Bass) und außerordentlich hektisch. Man wird richtig nervös dabei! Typische Vertreter sind Germs, Middle Class, Screamers. Und jetzt passierte das Unglaubliche: Drei Tage später, sonntags, schickt mir ein Brieffreund aus USA die

GI

Nr. 1 Germs „GI“. Produziert hat das Album groteskerweise Joan Jett, weshalb ich wochenlang zitterte, weil diese Schlampe womöglich alles versauen würde. Aber offenbar hat sich Darby Crash durchgesetzt. Die LP ist jetzt Nr. 1 und wird es vielleicht für immer bleiben. Denn, wer sollte sie ablösen?

Na ja, es gibt schon ein paar Möglichkeiten. Es müssten halt bloß ein paar Gruppen eine LP machen, z.B. Crime, Electric Eels, Nuns, Last Words, Killjoys, Pagans. Aber die meisten dieser Bands gibt’s nicht mehr, oder es besteht keine Aussicht auf ein Album.

Dann gibt es noch die Aufnahmen von einem dreitägigen Punk-Festival in LA, die werden nur deshalb nicht veröffentlicht, weil diese stinkenden Zippers Einspruch erhoben haben.

Einfach so. Ohne mich zu fragen! Zack Zack.

Dieses Album wäre bestimmt, davon bin ich echt überzeugt, der endgültige Höhepunkt

Damals in 77 waren praktisch alle großen LA-Gruppen da. Sogar die Weirdos, Dills, Germs und die Zeros.

Das muss man sich mal vorstellen.

Und wisst ihr, warum diese $§?/! Zippers die Beteiligung an der LP abgelehnt haben?

Weil sie nicht mit solchem Primitiv-Punk wie von den Germs auf eine Stufe gestellt werden wollen!!!

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