Lene Lovich, Wiesbaden, Wartburg, 4. Oktober 1979

Von Dieter K (Same Old Song, Nr. 26, Januar 1980)

TicketLeneLovichWiesbaden

Ticket, Wasted Vinyl Collection

Nach TV-Auftritten in Bios Bahnhof, Szene 79 und der Plattenküche, die ihr übrigens besonders gut gefallen hat, gab Lene Lovich Anfang Oktober in Wiesbaden ihr Live-Debüt in Deutschland.

Lene Lovich & Les Chappell, Wiesbaden, Oktober 1979 © Dieter K

Lene Lovich & Les Chappell © Dieter K

Es war einer der ersten Gigs mit ihrer neuen Gruppe, und so sind einige Schwierigkeiten leicht zu erklären. Doch gegen Ende des Konzerts war es fast wie vor einem Jahr bei der Be-Stiff-Tour:

Lenes Stimme, in allen Tonlage zu Hause, packt mich völlig. Man fühlt alles mit, ob sie nun in „Home Is Where The Heart Is“ von den Vor- und Nachteilen des Familienlebens singt, oder erklärt, wer den Ton angibt (privat und in der Band): „I Say When!“

Dazu eine praktisch nur Rhythmus produzierende Begleitband: pochender Bass, kurze Drum-Figuren und Les Chappells Gitarre, die leider etwas zu leise gemischt wurde, sowie ein sehr guter Keyboard-Spieler.

Die Namen der Musiker hab‘ ich vergessen. Alle drei sind um die 20 und erst seit September bei Lene & Les angestellt.

Vor dem Konzert unterhielt ich mit der (nur auf der Bühne exzentrischen) Musikerin. Hier die interessantesten Passagen:

DK: Deine Geschichte ist ja ziemlich bekannt. Du wolltest Bildhauerin werden, hast Kunst studiert?

LL: Ja, und zwar an einer Londoner Art School. Ich habe sogar einen Abschluss gemacht. Besonders gefallen hat es mir aber nicht. Wir wurden dort sehr eingeschränkt. Wir konnten nicht so arbeiten, wie wir wollten. Man versuchte, uns in ein Schema zu pressen. Die Lehrer hatten eine ganz andere Auffassung von Kunst als ich und die meisten anderen Studenten.

DK: Hast Du damals schon Musik gemacht?

LL: Ich hatte Saxophon gelernt und dann bei den Diversions gespielt.

DK: Welche Art von Musik habt ihr gespielt?

LL: Soul oder Funk. Nichts besonders Originelles. Die Platten, die wie damals rausbrachten, waren kein großer Erfolg.

DK: Bei den Diversions spielte auch Les Chappell.

LL: Wir fingen dann an, zusammen Songs zu schreiben, nahmen ein Demoband auf und Charlie Gillett brachte uns dann zu Stiff.

DK: Warum nahm er euch nicht auf sein eigenes Label?

LL: Oval war damals sehr klein, sie hatten keinen Distributionsdeal.

DK: Im Sommer 78 war „I Think We’re Alone Now“ euer erster Versuch auf Stiff.

LL: Richtig. Aber uns kannte niemand und der Erfolg war nicht besonders groß.

DK: Wie kam es zur japanischen Version [1]?

LL: Die machten wir aus Spaß. Die deutsche Version liegt auch noch bei Stiff. Der deutschen Firma [Teldec] gefiel sie nicht, deshalb ist sie nie erschienen.

DK: Im Oktober/November 78 kam dann die Be-Stiff-Tour. Soviel ich weiss, sollte „Home Is Where The Heart Is“ Ende des Jahres als zweite Single veröffentlicht werden.

LL: Das hatten wir erst vor. „Home“ ist eins meiner besten Lieder, glaube ich. Aber als Single, die im Radio gespielt werden soll, war es wirklich nicht sehr geeignet. Es ist kein Lied, das man morgens bei Frühstück hören will.

DK: Finde ich auch. Es steck doch sehr viel drin in dem Song. Schreibst Du alle Lieder nach Deinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen?

Lene sieht zwar zum fürchten aus, ist aber harmlos © Dieter K

Lene sieht zwar zum fürchten aus, ist aber harmlos © Dieter K

LL: Meistens schon. Aber die Ereignisse liegen schon lange zurück. Ich schreibe nicht über Dinge, die ich erst gestern erlebt habe. Außerdem entspricht ein Song nicht einem Erlebnis, sondern ich versuche, verschiedene Dinge zu einem Lied zu verarbeiten. Ich setz‘ mich nicht hin und schreib‘ einen Song. Das geht nicht so einfach. Manchmal dauert es ziemlich lange, bis ein Song fertig ist. Manchmal kommt auch erst die Melodie. Das ist ganz verschieden.

DK: „Lucky Number“ war dann der große Erfolg. Wer kam auf die Idee mit den Re-Mix-Versionen?

LL: Das war Roger. Roger Bechirian. Er ist Tontechniker und hatte den Einfall, der uns sehr geholfen hat.

DK: Bei „Lucky Number“ war der Re-Mix ok, obwohl die erste Fassung gefiel mir auch schon sehr gut. Aber bei „Say When“ war das remixen etwas übertrieben. Wenn man das mit einem kleinen Radio hört, klingt es ziemlich wirr.

LL: Findest Du?

DK: Wie stehst Du überhaupt zu den ganzen Gimmicks? Colored Vinyl, 12-Inch-Singles usw.?

LL: Finde ich ganz gut, wenn es künstlerisch gemacht ist. Aber das ist eine Mode, die bald vorbei sein wird.

Die neue Single, „Bird Song“, ist etwas lahm, aber Lene hat das Potenzial, noch viele gute Songs zu schreiben.

[1] Auf der Suche nach der (relativ) seltenen Stiff-Single mit der Katalog-Nr. BUY J32 stand Volker H am 22. November 1978 erstmals vor der Tür von Dieter K … and the rest is pop history.

BUY J32

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