Die No Fun Jubel 81 Tour, Frankfurt, Batschkapp, 10. Juni 1981

Von Hans Wurst (Hard Core Punk, Nr. 35, August 1981)

Dienstags war die ganze Frankfurter Punkclique beisammen, mittwochs waren die Zweitausendeins-Hippies unter sich.

Ich war natürlich mittwochs da.

Mal sehen, ob ich hier alle Gruppe zusammen kriege. Hans-A-Plast, Der Moderne Mann, 39 Clocks, Rotzkotz, A5. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Bärchen und die Milchbubis spielten noch.

OK, es fing an mit Rotzkotz.

Es hat ungefähr 15 Minuten gedauert, bis ich begriffen habe, dass das Rotzkotz sind!

So ziemlich der peinlichste Niedergang einer Rockgruppe überhaupt!

Einfach erbärmlich.

Ich habe nämlich Rotzkotz auf dem dritten Hamburger Festival gesehen (Ende 1979) und damals waren sie absolut fantastisch.

Jetzt singen sie auch auf Deutsch. Fast wäre ich rausgelaufen.

Dann spielten A5 aus Bremen. Der Sänger war ja wohl das Widerlichste, was ich in meine Leben gesehen habe: aufdringlich und wichtigtuerisch. Erst sah es so aus, als ob der Typ gar nicht zur Gruppe gehören würde, sondern sich nur vordrängeln wolle (Wie er es später bei Hans-A-Plast tatsächlich machte).

Die Musik war drittklassiger Identy-Punk. Die Sängerin: zu dicke Beine.

Dann wurden ein paar Tränengasbomben geworfen. So was hass‘ ich wie die Pest.

39 Clocks waren als nächste dran. Die spielten nur drei Lieder. Dann hörten sie auf, weil dauernd Flaschen flogen und fast den Sänger getroffen hätten.

Genau richtig! Das sie deshalb aufhörten, meine ich.

Dann spielten sie zwei Lieder, wo einer Saxophon blies – irgendetwas mit Cube Libre im Text. War ganz gut, etwas trendy höchstens.

Ja und dann kam der Hammer des Abends:

Die Gruppe reduzierte sich auf zwei Leute, Gitarre und Tasteninstrumente.

Und sie spielten das Beste, was ich jemals in Deutschland gehört habe: So ein zehn minütiges monotones Stück. Eine 100%ige Imitation der Velvet Underground – und absolut einmalig!

Ich war beeindruckt.

Wenn die 39 Clocks immer so spielen würden, wären sie meine Lieblingsgruppe. Noch vor den Germs!

Der Gitarrist hat’s voll drauf

Und dann wurde es peinlich: Hans-A-Plast waren angesagt. Und derselbe Gitarrist, der eben noch den frühen Lou Reed fantastisch imitiert hatte, spielte jetzt bei Hans-A-Plast.

Au Backe!

Ich habe Hans-A-Plast schon mal irgendwo über mich ergehen lassen, und mein Urteil über sie wurde jetzt noch einmal bestätigt:

Hans-A-Plast sind so was von vorgestrig, dass selbst die Straßenjungs dagegen modern sind.

Hans-A-Plast machen Musik für progressive Jungbauern, die sich beim Kühe melken so was anhören.

Die sind was für Leute, die gerade Udo Lindenberg „entdeckt“ hatten und dann in der SOUNDS was von neuer deutscher Welle gelesen haben.

Hans-A-Plast müssten in der DDR ganz groß sein. So zwischen den Puhdys und Karat, da passen sie gut rein.

Ich wette, dass alle Leute, die Hans-A-Plast mögen, auch Nina Hagen gut finden.

Außerdem kann man ihre Platte bei Zweitausendeins kaufen. Dieser Brutstätte für ekelerregende Hippie-Imitatoren.

Leute, die Hans-A-Plast für New Wave halten, wohnen wahrscheinlich in Oberursel oder Bottenhorn.

Einfach widerlich – und was haben die Leute in der Batschkapp mitgewippt …

Für mich war das alles zu viel, und ich bin schleunigst abgehauen.

Den Rest der Gruppen haben wir uns geschenkt, und ich wette, dass ich nix versäumt habe.

Hannover ist noch mehr der Arsch der Welt als der Vogelsberg. [1]

 

[1] Rund 20 Jahre später kam der Fernseh-Conférencier Harald Schmidt zu folgender Erkenntnis:

Hannover liegt zwar nicht am Arsch der Welt, aber man kann ihn von dort aus ziemlich gut sehen.

 

Zit. nach HACHMEISTER, Lutz (2016), Hannover. Ein deutsches Machtzentrum, München: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 9 (ebook)

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