US Punk

Von Volker H (Same Old Song, Nr. 28, Juli 1980)

Hurra, wir verblöden!

Eben wurde der sogenannte „zerstreute Professor Tünnef“ im Fernsehen gezeigt. Beifall, Johlen.

Das größte Arschloch, das ich in meinem Leben gesehen habe. Das war wahrscheinlich das übelste, was ich überhaupt jemals gesehen habe.

Und jetzt läuft irgend so ’ne Holzhacker-Combo. Mensch, das ist ja mindestens genau so schlimm!

Schlechte Zeiten sind das.

Angesichts solch trüber Aussichten wird das Motto unserer neuesten Veröffentlichung nur allzu verständlich:

Bomb The World And Drop The Neutron Bomp!

Ich bin aus den USA zurück … Ich war vor allem in LA und San Francisco.

Klar ist, dass ich von jetzt an nur noch Leute ernst nehmen kann, die wie ich der Meinung sind, dass Amerika das Zentrum des Punks ist.

Auf so lahmarschige Boogie-Truppen wie die Sex Pistols und Jam kann ich in Zukunft verzichten.

Nun mag es stimmen, dass die Engländer den Punk erfunden haben (obwohl die ersten Hardcore-Platten aus den USA bzw. aus Australien kamen).

Zugegeben auch, dass der Punk in England zur Massenbewegung wurde.

Gewisse Kreise verbreiten dann auch die Meinung, der englische Punk (und am Ende sogar der unsägliche deutsche Pseudopunk) sei der Nabel der Welt.

Er sei eben aus sozialen Ursachen entstanden (auch in Amerika kann man das Geschwätz hören: „The English got a reason to fight“).

Aber was interessiert mich das denn, wenn die englische Musik eben völlig drittklassig ist gegenüber dem amerikanischen Overkill-Punk?

Die Musik ist einfach besser!

Da können doch letztklassige Nachtwächter oder gescheiterte Soziologiestudenten reden, was sie wollen.

Diese ganzen ekelhaften Gruppen wie The Clash, ATV, Monochrome Set, The Human League, Gloria Mundi, The Fall, SYPH, Pyrolator, Der Plan und den ganzen RONDO-Schrott (ich könnte Millionen Bands aufzählen!), sollte man auf den Mond schießen.

Die haben doch mit Punk so viel zu tun wie die Vomit Visions mit irgendwelchen Rumänien-Flüchtlingen.

Und das Beste ist, diese Gruppen sind auch noch stolz darauf, dass sie endlich den sogenannten „Primitiv-Punk“ (SO-36-Besitzer) von 1976/77 überwunden haben.

Sie halten sich wahrscheinlich für die kulturelle Avantgarde der 80er Jahre!

Oder, wie John Lydon auf seiner Pressekonferenz in Los Angeles frech sagte: „Punk rock should be cancelled“.

Dieses Arschloch!

Dieses ganze Gerede, dass der alte, eigentliche Punk abgelöst wurde von den obengenannten Gruppen, dass man sich eben weiterentwickelt habe, ist doch nichts weiter als inkompetentes Geseire, Versuche, etwas völlig Fremdes und Unbegriffenes einzuordnen. [1]

Hippiegeschwätz eben, Mittelstandsideologie:

Nur das, was gerade in Mode ist, soll gut sein. Ist etwas zwei Wochen alt, weg damit!

Typische Journalistenmentalität. Die müssen auch über Sachen schreiben, die sie überhaupt nicht interessieren.

Und dann dieser Feuilleton-Stil, in dem die vermeintlichen Alternativen über ihresgleichen berichten:

Originalität, Weiterentwicklung, Songstruktur – alles Vokabeln aus dem bürgerlichen Kulturbetrieb.

So hat unser Musiklehrer auch geredet.

Warum soll denn an Unterhaltungsmusik wichtig sein, dass sie „originell“ ist?

Als ob damit etwas über den Wert des Punks ausgesagt wäre!

Warum sollte Punk 76 und 77 gut gewesen sein und heute schlecht (oder überholt und langweilig oder gar dilettantisch)?

Warum sollte Punk als Musik heute bedeutungslos sein, bloß weil sich die Bewegung offenbar totgelaufen hat?

Alles nur Discoschleimer oder womöglich sogar konvertierte Popper (eine ZEIT-Erfindung), die das vermeintliche Ende Tag und Nacht herbeigesehnt haben, die – sofern sie ihn überhaupt mitgekriegt haben – Punk von Anfang an gehasst haben, und die jetzt Morgenluft wittern (typisches Beispiel der Hampelmann, der im Grammy [Schallplattenladen in der Stiftstraße, Frankfurt] Platten verkauft).

Man muss sich doch nur einmal die sprachlichen Ergüsse der deutschen „Wellenreiter“-Ideologen anschauen. Schon der Stil verrät Absicht und Hintergrund.

Diese Typen könnten gar nicht in einem normalen Fanzine schreiben, dazu sind sie doch viel zu Welt-entrückt.

Wenn bei denen nicht gleich vom „Aufbrechen der verkrusteten Musikstrukturen“ oder ähnlich „tiefen“ Gedankengängen die Rede ist, hören sie doch gar nicht mehr zu.

Bedeutsam muss die „neue Welle“ sein laut SOUNDS, kulturell wertvoll, politisch mit niveauvollen Texten.

Menschenskinder: Punk ist einfach Musik von und für Idioten wie dich und mich, und fertig!

Alles andere ist doch Geschwafel.

Und genau diese Schulmeisterhaltung der „Journalisten“ war ja wohl auch das wichtigste Anliegen der sogenannten „progressiven“ Bands um 1970 herum. [2]

Hier wird der Zusammenhang mit den zu Recht old farts genannten Oldtimer-Bands deutlich.

Über diese Art Punks kann man nur sagen:

“PUNKS ARE THE OLD FARTS OF TODAY!“

Und was kam den raus aus diesen gesellschaftspolitischen Ansätzen, der Vorstellung, die Musik könne die Welt verändern?

Ziemlich offensichtlich der einlullende Kultur-Rock a la

Genesis und

Pink Floyd,

die 2001-groovy-lila-Latzhosen-Kultur.

Ekelhaft!

Warum also den gleichen Mist bauen wie damals?

Daher auch diese ganzen beschissenen New-Wave-Typen, die es für ungeheuer angesagt halten („Du, da fahr‘ ich voll drauf ab“), sich die neueste PIL-Scheibe zu besorgen.

Balla Balla!

Diese sogenannte New-Wave-Musik ist genau die Art Mist, gegen den Punk angetreten war.

Geradezu traurig deutlich wird dies an manchen Musikerschicksalen, wie der Wandel von Johnny Rotten zu John Lydon, die Entwicklung von The Clash und den Slits etc., und auch der verherrenden Beliebtheit von Synthesizern.

PUNK war und ist ein AUFSCHREI!

Synthis dudeln doch meist nur.

Friß es oder nicht, ist mir doch egal.

Wenn ich mir’s recht überlege:

New Wave ist noch schlimmer als

Old Wave.

Und nichts ist schlimmer als

Ska oder

Reggae.

Jedenfalls, wer heute den Punk von 77 schlecht macht, hat ihn nie gemocht. Und dann ist er ja sowieso ein Arsch.

Verpiss dich, du Hosenträger!

Und der beste Punk 77 war der amerikanische.

Dem Geier sei Dank:

Diesen üblen rhythmischen Krach (der in England 78 ausstarb), gibt es in den USA

heute noch genauso dilettantisch und primitiv wie damals.

Das ist nämlich das Geheimnis des amerikanischen Punks:

In den Hochburgen wie Los Angeles, San Francisco, Seattle, Ohio, New York, Vancouver etc. ist echter Punk nach wie vor völlige Außenseiter-Musik.

Keine Punkgruppe hat auch nur die geringste Chance, jemals von einer großen Firma aufgekauft zu werden.

Ich wüßte keine echte Hardcore-Band, die einen lukrativen Vertrag gekriegt hat:

Die Dickies sind mehr witzig als hardcore,

die Ramones sind „good time“-Punk,

Pere Ubu sind heute eine Hippie-Truppe

(hört euch mal Rocket From The Tombs an),

die Dead Boys hatten nie eine guten Vertrag,

Suicide sind zwar ein hardcore act, aber wegen ihrer speziellen Art von Musik ziehen sie vor allem den Studenten-Mob an, usw. usw.

Kein Wunder also, dass nicht alle möglichen Mitläufer die Scene verwässern:

Wer z.B. in LA Hardcore Punk spielt, hat offensichtlich wirkliches Interesse daran, und macht es nicht, um damit Geld zu verdienen.

Punk ist nicht hip in den USA.

Punk hat sich nicht durchgesetzt.

Gott sei Dank!

 

[1] Zum „Fortschritt“ in der Kunst vgl. John BORSTLAP (15.9.2013), The ‘killer myth’: the fallacy of progress in the arts, URL: http://johnborstlap.com/the-killer-myth-the-fallacy-of-progress-in-the-arts/

[2] Zur Entstehungsgeschichten der „Rockmusikkritik“ vgl. Devon POWERS (2013), Writing The Record. The Village Voice And The Birth Of Rock Criticism, Amherst: University of Massachusetts Press

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