London Live Scene – Februar & März 1980

Von Eric Hysteric & Dieter K (Same Old Song, Nr. 27, April 1980)

Wreckless Eric & The Nips, Marquee Club, 4. Februar

Stiffs letztes Original, cult hero Wreckless Eric, beginnt sein Set mit „Let’s Go To The Pictures“ und „Semaphore Signals“, die live viel härter, rockiger klingen als die sanften Plattenversionen.

Überhaupt spielt Eric live nur Tempo 180. Seine Balladen ließ er daheim im Bett. Zum Entsetzen des Publikums greift er sich schließlich ’ne Gitarre

und stimmt „Whole Wide World“ an, seinen „Superhit“.

Doch gerade Erics brutal minimale Gitarrenarbeit bringt den Marquee Club zum kochen. Er schafft noch „Rockola“ als Zugabe, dann ist seine Suff-geschädigte Kondition verbraucht.

Doch Eric Is King. Eric Is King.

Die Nips im Vorprogramm spielten Durchschnitts-Punk. Auffallend nur die Segelohren des Sängers Shane MacGowan und die Frau (Shanne Bradley) am Bass.

Ramones & The Boys, Rainbow Theatre, 9. Februar

Das Rainbow eine Woche vorher ausverkauft, die Single in den Top Ten – der endgültige Durchbruch für die beste Band der Welt?

Wer erwartet, dass die Ramones jetzt ruhiger und disziplinierter spielen, der irrt sich gewaltig!

Wie gewohnt in Leder und Blue Jeans fetzen sie ihr Songbook herunter.

Nur Dee Dees 1 2 3 4 verrät Anfang und Ende eines Stückes.

Nachdem der Penner am Mischpult von Johnny geweckt wurde, klingen die Ramones härter denn je.

Selbst die neuen Songs wie „Rock’n’Roll Radio“ und „All The Way“ klingen nach 76/77.

Nur „Baby I Love You“, schon auf Platte total versaut, wird durch Casino Steels Keyboards und den Gesang von Duncan Reid – die beiden Boys verstärken die Ramones bei diesem Song – auch nicht besser.

Die Energielieferanten der Ramones sind eindeutig Johnny und Dee Dee, denen nichts zu schnell, die Pausen aber zu lang sind.

Marky kommt bei dem höllischen Tempo ab und zu nicht mit und Joeys Stimme klingt ziemlich mies.

Trotzdem: eine fantastische Show und 14 Zugaben, davon die ersten fünf in sechs Minuten!

Die Boys hatten die unangenehme Aufgabe als Anheizer. Und obwohl sie noch nie so gut waren wie heute, pennte das Publikum.

Slade, Music Machine, 29. Februar

In der Nacht zum 1. März erfüllte sich einer meiner Teenage-Träume: Slade live.

7 Jahre nach ihren großen Erfolgen erwartete ich vier betagte Herren, die mit viel Wehmut ihre Hits runterleiern.

Doch zum Glück hatte ich mich ganz schön getäuscht.

Slade spielen immer noch genauso, wie ich mir das 72/73 immer vorgestellt habe: Schnell, hart und dazu Noddys phantastische Stimme, die auch nach Rotten & Co. noch aggressiv klingt.

Slade waren in Hochform und wurden ihrem Ruf als beste Band der Pre-Punk-70er Jahre voll gerecht. Die Stimmung unter den 20 bis 25 Jahre alten Teens war sehr gut – und wer noch mehr über Slade lesen will, der soll seine BRAVO-Sammlung aus dem Keller holen.

The Jags, Red Lion, 3. März

Da Elvis Costello zur Zeit nicht in London spielt, ging ich zu den Jags, die mit „Back Of My Hand“ ein Riesenlied haben. Damit ist aber auch schon alles über diese durch und durch Durchschnittsband gesagt.

Killing Joke & Last Words, University of London, 4. März

Killing Joke hielt ich nur 10 Minuten aus, dabei sind sie gar nicht sooo schlecht. Einige Songs sind sogar wirklich gut, aber überwiegend sind sie halt einfach langweilig.

A&MBueno

Andy Groome & Malcolm Baxter © Dieter K

Das Konzert der Last Words hab‘ ich mitgeschnitten, direkt vom Mischpult. Mal sehen, vielleicht wird eine Live LP daraus.

Au-Pairs & Idiot Dancers, Rock Garden, 6. März

Die Idiot Dancers kann man ungehört vergessen. Sie liegen musikalisch im Mittelfeld der Mod-Kopisten.

Gut gefielen mir die Au-Pairs: 2 Frauen (Gitarre & Bass) und 2 Männer (Gitarre & Drums). Die Au-Pairs vereinigen die Vorzüge von Bands wie den Banshees, den Raincoats und Kleenex, haben aber doch einen eigenen Stil, der durch einen einfachen, durchgängigen Rhythmus und das Wechselspiel der zwei Gitarren geprägt wird, die in einem Wahnsinnstempo die Akkorde runter fetzen.

Squeeze & Wreckless Eric, Hammersmith Odeon, 9. März

Squeeze sind und bleiben ein Musterbeispiel für hervorragende Popmusik.

Ihr Platz in den Musikanalen ist ihnen sicher. Goodbye Girl  und

Cool For Cats sind Klassiker.

Squeeze sind keine Middle-Of-The-Road-Band. Zwar fing ihr Konzert diesmal relativ lahm an, aber dann ziehen sie ihre Teddyboy-Jacken aus und es wird richtig losgefetzt.

Nebenbei bemerkt: Alle sind wirklich gute Musiker ohne jedoch ihre technischen Fähigkeiten über den Spaß zu stellen.

Sie spielen ihre Hits und einige Songs von der neuen LP. Letzten Sommer gefielen sie mir zwar noch besser, aber vielleicht waren sie heute nur geschlaucht von den Tourstrapazen.

Hammersmith Odeon

Ticket, Wasted Vinyl Collection

Sie kommen noch 2mal auf die Bühne zurück und das Publikum tobt.  Die Stimmung ist für einen Saal wie das Hammersmith Odeon fantastisch.

The Barracudas, Hope & Anchor, 12. März

Im Fahrwasser der Smirks schwimmen oder besser gesagt surfen die Barracudas. Ihr Auftritt began mit etwa 20 Minuten Gitarrenstimmen und am Schluß lagen die Schlagzeugeinzelteile verstreut über der Bühne

und die Zuschauer sangen noch ’ne halbe Stunde „I Want My Woody Back“, ab und zu unterstützt von einem der vier Barracudas, die hinter der Bühne schon ihren EMI-Vertrag begossen.

Dazwischen gab es ein chaotisches Konzert. Unter den gestrengen Augen des halben A&R-Departments der Firma vom Manchester Square spielten die Nerven der Jungs nicht mehr mit, und sie meinten, ihren allerschlechtesten Gig zu spielen.

Was für die Stimmung aber gut war: Das Publikum freute sich jedesmal, wenn ein Song glückte.

The Raincoats & Delta 5, Claredon Hotel, 13. März

© Dieter K

Gina Birch & Ana Da Silva © Dieter K

Was soll ich über die Raincoats schreiben? Die erste Viertelstunde spielten sie verschiedene Lieder, dabei jeweils mindestens 3 gleichzeitig.

Dann konnten sich die vier doch noch auf ein gemeinsames Konzert einigen.

Raincoats2

Ingrid Weiss © Dieter K

Jetzt waren die Raincoats echt gut und die Drummerin lässt Scharlatane wie Carl Palmer & Co. vergessen.

Raincoats 3

Vicky Aspinall © Dieter K

Mit ihrem Gekreische übertreffen die Raincoats die Slits bei weitem.

Delta 5 kommen aus Leeds, und gehen auf die selbe Uni wie die Mekons und die Gang Of Four.

Ihre Musik ist dementsprechend – nicht schlecht.

Delta5RosAllen

Ros Allen © Dieter K

Ungewöhnlich sind die zwei Bassisten, die zusammen mit dem guten Drummer die Grundlage für die sparsame, aber wirkungsvolle Gitarrenarbeit legen.

Durch den Wechsel der lead vocals (alle drei Frauen singen), bekommen die einzelnen Songs einen individuellen Touch.

Das beste Lied („I Want To Be Alone Tonight“?) fängt in Zeitlupe an und steigert sich bis zum Schluss.

Delta 5 könnten eine ganz wichtige Band werden.

Smirks, Fulham Greyhound, 16. März

Von Virgin schon abgeschrieben, aber immer noch lustig sind die Smirks, die aber außer ihren bekannten Singles keine ebenbürtigen neuen Songs haben. Live, wenn sie wollen, gut, meistens wollen sie nur nicht so recht.

The Selecter, Bodysnatchers, The Swinging Cats, Hammersmith Palais, 17. März

Selecter Ticket.jpg

Ticket, Wasted Vinyl Collection

Selecter

2 Tone, TT 5002, 1980, Signed, Wasted Vinyl Collection

Pauline Black © Dieter K

Pauline Black © Dieter K

Über das Two-Tone-Fieber wird ja in allen Medien berichtet, deshalb hier nur kurz etwas über die Swinging Cats, die für Holly & The Italians bei der Selecter-Tour einsprangen und vor großem Publikum erste Erfolge feiern konnten.

Optischer Mittelpunkt ist die blonde Sängerin, die mich vom Gesang her an Sandie Shaw oder Jane Morgan erinnert. Der Sound der Gruppe ist dazu passender „nostalgischer“ Pop.

Die Keyboards klingen nach Karstadt- oder Hertie-Orgel.

Sehr gut!

Die Bodysnatchers sehen nicht nur alle 7 ganz gut aus, sie sind auch kein Retortenact, den sich ein cleverer Manager ausgedacht hat, sondern im Moment eine der besten Rocksteady-Bands.

Ihre erste Single, „Let’s Do Rocksteady“ / „Ruder Than You“ steht den anderen Two-Tone-Platten in nichts nach.

Und live machen die Bodysnatchers eine Menge Spass. [1]

[1] Aus den Bodysnatchers gingen die Belle Stars hervor, die Stiff Records unter Vertrag nahm und mit Hilfe von Pete Waterman in die Charts brachte

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