Diederichsen, mal wieder

Während alle Welt im Fall von „Fallen Angels“, dem neuen Album von Bob Dylan, davon spricht, dass Dylan (zum zweiten Mal) eine Langspielplatte mit Coverversionen von Songs aus dem „Great American Songbook“ vorgelegt hat, hält Diederichsen dies für „irreführend“ und inszeniert sich als Oberschlaumeier:

Eine Coverversion ist eine neue Aufnahme eines Songs, der bereits durch eine markante Aufnahme und Interpretation geprägt ist, der zu einem Künstler gehört und in den meisten Fällen von diesem nicht nur gesungen, sondern auch geschrieben wurde. Die Coverversion bezieht sich auf diese Fassung und setzt ihr etwas entgegen oder verbeugt sich imitierend vor ihr. Sie ist weniger eine Interpretation des hingeschriebenen Teils des Songs, sondern die Interpretation einer Interpretation, einer aufgezeichneten Interpretation.

Kurz gesagt: Dylan hat keine Coverversionen aufgenommen, weil es sich um Songs handelt, von denen es keine Orignal-Aufnahmen gibt.

Das ist falsch. Der Ausdruck „Coverversion“ gilt ganz allgemein für Zweit-, Dritt-, Viert-Aufnahmen usw. eines Songs. Auch ist es nicht notwendig, dass sich die Coverversion auf die erste (oder irgendeine andere) frühere Aufnahme bezieht. Oder dass der Interpret des gecoverten Songs diesen selbst geschrieben hat.

Coverversionen, die dem Original etwas entgegensetzen, wie diese hier,

sind Ausnahmen.

Noch seltener sind „imitierende Verbeugungen“.

Bei Coverversionen, die das Original (oder eine andere Aufnahme imitieren) geht es in der Regel nicht darum, Referenz zu erweisen.

Wir reden hier von der Musikindustrie, d. h., es geht ums Geschäft:

Imitierende Coverversionen sind auf den selben Markt ausgerichtet wie die gecoverten Aufnahmen.

Beispielsweise veröffentlichten Mercury und Epic in den 1950er & 1960er Jahren mit der weißen Georgia Gibbs „imitierende“ Coverversionen von Songs, die zuvor schwarze Sängerinnen in Versionen aufgenommen hatten, die musikalisch in den Mainstream gepasst hätten.

Auch Will Brandes verbeugte sich nicht imitierend vor Rocca Granata, als er für Electrola den Hit des Schwesterlabels Columbia coverte:

Von Coverversionen spricht man (spätestens) seit dem Schallplattenboom nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Verwertung von Musikrechten in Form von Tonträgern gegenüber der in Form von Notenblättern an Bedeutung gewann.

Damals etablierten sich in den USA Teilmärkte (R&B, Country und dann der Markt für auf Teenager ausgerichtete Musikstile) und es war üblich, Hits von diesen Teilmärkten für den Mainstream zu covern (und umgekehrt).

Für die erstmalige Veröffentlichung eines Songs auf Schallplatte ist die Erlaubnis des Rechteinhabers (üblicherweise ein Musikverlag) erforderlich. Deshalb kann man die erste kommerziell veröffentlichte Aufnahme als Originalversion bezeichnen.

Nachdem ein Song mit Erlaubnis der Rechteinhaber auf Schallplatte veröffentlicht wurde, kann jeder über eine gesetzliche Lizenz, d.h. ohne spezifische Erlaubnis, eine Coverversion veröffentlichen.

Die Songs des Great American Songbooks sind ja nicht nur Antithesen zur personenorientierten Singer/Songwriter-Kultur und zur gegenstandsorientierten Tradition des Topical Songs.

Nach den Gesetzen der Logik bzw. der Rhetorik ist eine Antithese die Antwort auf eine These.

Nochmal, ganz langsam zum mitschrieben: Erst kommt die These, dann kommt die Antithese.

Wie können die Songs des Great American Songbooks, die in den 1920er bis 1950er Jahren entstanden sind, die Antithese auf die „personenorientierten Singer/Songwriter-Kultur“ (ab den 1960er Jahre) sein?

Das ist schon rein formal logisch unmöglich.

Und das unter anderen Produktionsprinzipien hergestellte Musik generell in irgendeiner Art und Weise Anti-Great-American-Standards bzw. Anti-Tin-Pan-Alley-Musik ist, ist ganz offensichtlich auch nicht der Fall: Paul McCartney, Brian Wilson und viele andere Singer/Songwriter betrachten Komponisten aus den Tin-Pan-Alley/Brill-Building-Zeiten als Vorbilder.

Dylan ist also hier einem Prinzip von populärer Musik nahe, das nicht zuletzt auch durch seine Arbeit und durch von ihm inszenierte Innovationen vor gut 50 Jahren verschwunden ist.

Die Arbeitsteilung, die Trennung von Komponist und Interpret ist „vor gut 50 Jahren“ verschwunden? Seit „gut 50 Jahren“ wird populäre Musik nur noch von Komponisten gemacht, die gleichzeitig Interpreten (Prinzip Singer/Songwriter) sind?

Nicht zu fassen!

Schon mal was von Chinn/Chapman (1970er Jahre) gehört, Herr Diederichsen? Oder von Stock-Aitken-Waterman (1980er Jahre)? Von „American Idol“ und ähnlichen TV-Sendungen? Von Dr. Luke, Max Martin oder von K-Pop?

Welchen Stellenwert professionelle Songschreiber im Unterschied zu Singer/Songwritern heutzutage in der Musikindustrie haben, hat John Seabrook auf den Punkt gebracht:

You could obliterate the Ribots and Cashes [Marc Ribot & Rosanne Cash aka das Produktionsprinzip Singer/Songwriter] of the music world, and the labels would do just fine. But if songwriters [die keine Konzerte geben usw. und deshalb auf die Einnahmen aus der Verwertung ihrer Werke durch andere angewiesen sind] can’t afford to work, then the whole hit-making apparatus of the song machine is doomed.

 

SEABROOK, John (2015), The Song Machine. Inside The Hitfactory, New York: W. W. Norton & Compayn, S. 297 (ebook version)

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