The Son Of Stiff Tour, London, 3. & 4. November 1980

Von Dieter K (Same Old Song, Nr. 32, Dezember 1980)

Kensington, Queen Elisabeth College, 3. November 1980

Wie fast alle Gigs der Son Of Stiff Tour fand auch der vorletzte in einer Universität statt.

Ich war kurz vor 6 Uhr da und irrte erstmal durch Hörsäle, Turnhallen, Bibliotheken usw., bis ich neben einem Isotopen-Labor fand, was ich suchte:

Ein kleiner Saal, in dem kreuz und quer verstreute Einzelteile einer PA-Anlage herumlagen. Das musste es sein.

Drei oder vier Roadies bauten seelenruhig auf, obwohl es schon in einer halben Stunde losgehen sollte.

Von den insgesamt über 20 Musikern keine Spur.

Ich fragte mich durch, und zwischen Reagenzgläsern und Giftschränken fand ich schließlich die Garderobe.

Dort gab es belegte Brötchen und heißen Tee, an der in England obligatorischen Schlange leicht zu erkennen.

Zwischen ANY TROUBLE und den EQUATORS stelle ich mich an – und keiner merkte was. Wahrscheinlich hielten sie mich für Clive Gregsons Bruder. (Peinlich, geb‘ ich ja zu).

Der (musikalische) Höhepunkt des Abends war dann der Soundcheck:

Gitarre: Bob Kingston (Tenpole Tudor), Drums: Clive Gregson (Any Trouble) & Gary Long (Tenpole Tudor), am Bass und an den Keyboards: zwei Roadies. Die fünf legten unglaublich los.

Der Aufbau hatte also doch noch rechtzeitig geklappt, aber jetzt wartete man vergebens auf das Publikum.

Gegen halb 9 waren ungefähr 30 Leute da und Tenpole Tudor fingen an zu spielen.

Tenpole Tudor Queen Mary College

Eddie Tudor Pole & seine Fans © Dieter K

Wie ihr hier seht, begrüßte Eddie jeden Zuschauer persönlich, die meisten kannte er mit Namen!

TPT Vibrant

Bob Kingston & Eddie Tenpole Tudor © Dieter K

Tenpole Tudor spielten den erwarteten Rock’n’Roll, recht schwungvoll und der Sänger ist ein wahrer Narr. Beste Songs: „Wunderbar“, „3 Bells In A Row“ und natürlich

„Who Killed Bambi?“ (Die Fans vor der Bühne wussten es: Dickie did!).

Es folgten ANY TROUBLE, deren LP mir mittlerweile ganz gut gefällt.

Live klingen sie genauso, nur mit dem Tempo haben sie ihre Probleme: Sie versuchten, alles runter zu fetzen, das Ergebnis war äußerst kümmerlich.

Ihre drei besten Songs waren bereits Single-Flops, in Zukunft sehe ich auch keine größeren Erfolge.

Die EQUATORS sind eine Reggae-Truppe aus Birmingham. Was soll ich noch mehr schreiben?

DIRTY LOOKS aus New York kann man getrost vergessen, obwohl ihr Sound gut ist.

Ihre Songs sind übler Mist. [1]

Da kann auch der fette Bassist, eine unglaubliche stage personality, nichts retten.

Bestes Lied: Eine Coverversion von „Love Comes In Spurts“

Mittlerweile hatte Stiff noch ein paar Typen zusammengetrommelt und als JOE KING CARRASCO & THE CROWNS auf die Bühne kamen, waren rund 100 Leute da. (Maximal 40 hatten Eintritt gezahlt).

Mystery guest des Abends: Winzig, Locken bis auf die Schultern, inkognito hinter einer riesigen Sonnenbrille versteckt – wer anderes als Wreckless Eric. (Leider ging er nicht auf die Bühne).

JOE KING CARRASCO AND THE CROWNS waren (noch) besser als Tenpole Tudor. Anders als auf den Platten konnte man das Gitarrenspiel von Joe hören, dessen Stil (wie bei jedem guten Gitarristen) nach drei, vier Tönen zu erkennen ist.

Joe King Carrasco Queen Mary College

Joe King Carrasco live & in Farbe © Dieter K

Auch das simple Keyboardgeklimper von Kris Cummings, die feste mitgröllte, zeigte einmal mehr, was moderne Studiotechnik alles zunichtemachen kann.

Zum Abschluss spielte das gesamte Ensemble „You Can’t Hurry Love“, aber da eilte ich schon davon. (Warum werdet ihr niemals erfahren, ha!).

Camden, Music Machine, 4. November 1980 [2]

Am nächsten Abend folgte dann das Tourfinale in der Music Machine in Camden. Mit maximal 400 Leuten war die Halle nicht mal zu Hälfte gefüllt …

Kaum drinnen, lief mir Dave Robinson über den Weg. Als er mich sah, stürzte er auf mich zu – und ich dachte schon, jetzt gibt es endlich das lang erwartete Vertragsangebot für Eric Hysteric & The Esoterics. [3] Aber Dave war gerade in Deutschland gewesen und wollte nur sein Kleingeld loswerden. Vielen Dank, Mr. Robinson.

Trotz des finanziellen Fiaskos [4] war Robbo gut gelaunt und schwärmte von den fünf Bands: „They’re great! All five of them!“.

Später meinte er jedoch: „We’re going to make a boring film about the most boring tour ever.“

Das Konzert lief im Großen und Ganzen wie am Tag zuvor ab. Am Schluss wurde es aber noch turbulent: Tenpole Tudor spielten als letzte und waren 1000mal besser als am tags zuvor.

Am allerbesten wieder „Wunderbar“, das auf Platte nach gar nichts klingt.

Bleibt die Hoffnung auf den Film und das Live-Album.

[1] Ein PR-Gag von Stiff ging nach hinten los. Das erste Mal in Europa, angeblich gerade in Heathrow gelandet und sofort zum Gig geeilt, um seine Freunde zu unterstützen, sprang plötzlich ein Gitarrist auf die Bühne: Brian Setzer von den Stray Cats. Dessen Power machte gnadenlos deutlich, was für Langweiler Dirty Looks waren.

[2] Das war die Nacht, in der Roland Reagan zum ersten Mal zum US-Präsidenten gewählt wurde.

[3] Eric kam später, weil er noch im Studio die Drive-You-Crazy-LP abmischte.

[4] Obwohl der Umsatz im Geschäftsjahr 1980/81 von 2,5 auf 3,4 Millionen Pfund gestiegen war, machte Stiff Records etwas mehr als 6.000 Pfund Verlust.

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