Nina Hagen Band, Offenbach, Stadthalle, 6. November 1978

Von Dieter K (Querschläger, Nr. 22, Dezember 1978)

„White Punks On Dope“ von den Tubes hat genau soviel mit Punk zu tun wie „The Kid’s A Punk“ von Slik:

Nämlich nichts.

Insofern hat sich Nina Hagen genau den richtigen Song zum covern ausgesucht.

Was wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass beide Acts bei CBS Records unter Vertrag stehen, dem zweitgrößten Schallplattenkonzern der Welt.

Und bei der CBS Schallplatten GmbH in der Frankfurter Stiftstraße träumen die Manager schon von Nina Hagen, dem „internationalen Superstar“.

Das könnte, wenn man die deutschen Texte über Bord wirft, vielleicht sogar funktionieren.

Denn die Nina Hagen Band versucht, die Art von Rockmusik zu machen, die Punk eigentlich hinwegfegen wollte, die aber, wie die Labelkollegen von The Clash (auf einem ganz anderen Niveau) gerade mit ihrem zweiten Album bewiesen haben, heute lebendiger als je zuvor ist:

FM-Rock – amerikanische Rockmusik, optimiert für das UKW-Radio.

Was auf Platte noch einigermaßen erträglich klingt, droht live zum typischen deutschen Rock zu degenerieren. Hart arbeitende Musiker, die stolz ihr musikalisches Kunsthandwerk demonstrieren:

Die Nina Hagen Band könnte genauso gut als Udo Lindenberg Band auftreten.

Auch und gerade Nina Hagen kann und will nicht verbergen, dass sie technisch perfekt singen kann.

Typisch DDR halt: Ohne Ausbildung und staatliche Prüfung darf dort niemand auf die Bühne.

Dem Publikum in der gut gefüllten Offenbacher Stadthalle, in dem es kaum Punks, aber viele bekannte Gesichter aus der Frankfurter Schickeria zu sehen gab [1], hat es jedenfalls gefallen.

Wasted Vinyl Collection

Nina Hagen Band, Concert Ticket, November 1978, Wasted Vinyl Collection

Der Backstage-Bereich der Stadthalle versprüht den Charme von Umkleidekabinen einer Schulturnhalle.

Als ob sie gerade ein Zirkeltraining absolviert hätten, hingen die Musiker der alten Hippetruppe Lokomotive Kreuzberg, die live (und auf Platte) die Band von Nina Hagen geben, völlig geschafft in den Seilen.

Bildlich gesprochen.

Tatsächlich hatten sie es sich halbnackt mit Handtüchern über den nassen (langen) Haaren und um die verschwitzten Körper geschlungen auf den harten Holzbänken einigermaßen bequem gemacht.

Genau so hab‘ ich mir das Rock’n’Roll-Leben immer vorgestellt.

Die Typen waren so fertig, dass es sich nicht zu stören schien, dass sich niemand für sie interessierte. [2]

Auf meine Frage „Wo ist denn die Nina?“ hebt der Drummer müde die Hand und deutet auf eine Tür: „Nebenan“.

Natürlich, hätte ich mir auch denken können: Madame hat eine eigene Garderobe. [3]

Dort hatten sich bereits die üblichen Rummhänger versammelt und auf das karge kalte Büfett gestürzt.

Nina Hagen saß in einer Ecke auf einem Tisch und hielt Hof.

Als Eric Hysteric und ich an der Reihe waren, stellte sich dann überraschenderweise heraus, dass Nina Hagen tatsächlich jede Menge Ahnung von Punk hat: In der Londoner Szene kennt sie sich mindestens so gut aus wie wir.

Aber etwas Neues konnten wir ihr doch noch erzählen:

Dass die Slits Palmolive gefeuert haben, wusste sie noch nicht: „OOOIIIHHH! Da muss ich mal die Arianne anrufen!“

NinaHagen

Nina Hagen Band, CBS 83136, 1977, Signed, Wasted Vinyl Collection

 

[1] Offenbar hatte CBS jede Menge Freikarten verteilt. Sogar Größen der Neuen Frankfurter Schule wie Robert Gernhard waren da.

[2] Von wegen Nina Hagen Band: „So ist’s richtig, wir sind ja ein Kollektiv.“ Manfred „Manne“ Praeker in Sounds (vgl. HILSBERG, Alfred (1978), Nina Hagen Band. Uff’n Kopp kloppen, Sounds 11/78, S. 26f

[3] Im Unterschied zu Debbie Harry, die bei Blondie „one of the boys“ war.

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