1971 – Rock’s Golden Year?

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Hepworth, David (2016), Never A Dull Moment. 1971 – Rock’s Golden Year, London: Bantam Press, Wasted Vinyl Collection

David Hepworth (Jahrgang 1950) hat die Gnade der frühen Geburt und erlebte die Entwicklung der Rockmusik (Jahrgang 1954) praktisch von Anfang an bewusst mit.

Nach seiner Einschätzung war der Höhepunkt im Jahr 1971 erreicht, dem annus mirabilis des Rockalbums,

Zwar sind die 100 Alben, die Hepworth als Beleg anführt, alle gut bis sehr gut und mehr oder weniger einflussreich, aber auf Anhieb fallen mir vier, fünf Jahre ein, die es in dieser Hinsicht leicht mit 1971 aufnehmen können.

Da Hepworth konsequent aus der Perspektive von 1971 schreibt, übersieht er die Bedeutung von Singles, die Rockfans damals als Kinderkram verabscheuten, als Medium des Bubble-Gum-Pops.

Dabei waren die von T. Rex beherrschten britischen Singles Charts ein sehr guter Indikator für die weitere musikalische Entwicklung: Weg vom Rock und hin zu Glam, Disco & Punk.

Wenn man die zweifelhafte These vom golden year vergisst, bietet das sehr gut geschriebene Buch einen Überblick über den 1971 aktuellen album orientated rock und die Machenschaft der Musikindustrie – und jede Menge Stoff für Pub-Diskussionen, zum Beispiel Hepworths Einschätzung von David Bowie:

If all we knew of David Bowie was what he did in 1971, it would be more than enough (S. 303).

Die wichtigste Erkenntnis des Buches ergibt sich aus einer Neu-Interpretation eines (positiven) Konzertberichts von Jon Landau im Rolling Stone vom Dezember 1971 über ein Elvis-Presley-Konzert. Unter Anspielung auf Landaus berühmte Ephipanie („I saw rock and roll future …“) zeigt Hepworth, dass die „Zukunft“ des Rock’n’Roll nicht Bruce Springsteen war, sondern die Art und Weise, in der Elvis Presley und seine Fans die gemeinsame Vergangenheit zelebrierten:

This review, written by the magazine’s most senior rock journalist, who was all of twenty-four at the time, about a performer who seemed almost biblically ancient at thirty-six, was a glimpse of something entirely new: a perfomer whose best work was behind him still managing to command vast crowds and the highest ticket prices; an idol inviting people to come unto him to give thanks for his past, their past, and to bask in a precious moment of shared proximity (S. 337).

Als speziellen Spaß für seine besonders aufmerksamen Leser hat Hepworth ein paar Fehler eingebaut. Zum Beispiel:

  • Seite 51: „Space Oddity“ war 1969 kein Nr.1-Hit, sondern erreichte in den britischen Charts „nur“ Platz 5. In den USA kam der Song erst 1973 als Wiederveröffentlichung bis auf Platz 15 in die Billboard Hot 100.
  • Seite 222: „No Matter What“ wurde von Peter Ham geschrieben, nicht von Paul McCartney, der für Badfinger – wie Hepworth richtig schreibt -, den ersten Hit schrieb. Aber das war „Come And Get It“ und ein Jahr früher.
  • Seite 226: Die “song suite” von Van Dyke Parks war das Album Song Cycle (1967), nicht Discover America (1972).
  • Seite 251: 1971 vermarkteten deutsche Rockmusiker ihre Musik nicht selbst als “Krautrock”, sondern lehnten den Begriff ab, den britische Musikjournalisten (Richard Williams vom Melody Maker, Ian McDonald vom New Musical Express) gerade erst als Bezeichnung für die diversen teutonischen Rockvarianten in Umlauf gebracht hatten (vgl. STUBBS, David 2014, Future Days. Krautrock And The Building Of Modern Germany, London: Faber & Faber).
  • Seite 291: Phil Spector hat weder „He’s So Fine“ noch sonst was von den Chiffons produziert. Mastermind hinter den Chiffons war Ronnie Mack, der auch „He’s So Fine“ komponierte, produziert wurde der Song von den Tokens.
  • Seite 293: „How Do You Do It“ (Gerry & The Pacemakers) wurde von Mitch Murray (Brite, Jahrgang 1940) geschrieben, nicht von Mitch Miller (Amerikaner, Jahrgang 1911).
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