Neuer Boom in der Musikindustrie?

„Die Einnahmen der Musiklabels aus dem Streaminggeschäft sind im vergangenen Jahr weltweit um 60 Prozent nach oben geschnellt. Damit konnten die Musikabonnements die Einbußen aus dem mittlerweile stark schrumpfenden Geschäft mit Musikdownloads und den seit vielen Jahren bröckelnden CD-Verkäufen mehr als wettmachen.“

Neuer Boom in der Musikindustrie

Durch Musikabos konnten die Labels „die Einbußen aus dem mittlerweile stark schrumpfenden Geschäft mit Musikdownloads und den seit vielen Jahren bröckelnden CD-Verkäufen mehr als wettmachen“?

Die Realität sieht anders aus:

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Quelle: IFPI (2017), Global Music Report 2017. Annual State of the Industry, S. 11

Richtig ist, dass in fünf (2001, 2004, 2012, 2015 & 2016) der letzten 17 Jahre ein Umsatzwachstum zu verzeichnen war.

Dabei wurde 2016 mit einem globalen Umsatz von 15,7 Milliarden Dollar noch nicht einmal der Wert von 2009 (15,8 Milliarden Dollar) erreicht. [1]

Ob kostenpflichtige Streamingdienste tatsächlich die Zukunft sind (oder nichts anderes als die Klingeltöne Of Today), steht angesichts der kostenlosen Konkurrenz durch den Monopolisten Alphabet/Google/YouTube, der aufgrund schlechter Gesetze aus dem vergangenen Jahrtausend [2] praktisch in den Genuss von Zwangslizenzen kommt, sowie der hohen Verluste, mit denen der Marktführer Spotify arbeitet, noch lange nicht fest.

Ganz zu schweigen davon, ob – abgesehen von UMG, Sony Music und WMG (große Rechtekataloge, geringe Beteiligung für die Künstler bei alten Verträgen) Labels mit den niedrigen Lizenzgebühren, von denen bei neuen Verträgen mindestens 50 Prozent in die Taschen der Interpreten fließen, überleben können.

Nicht zynisch, sondern realistisch ist die Einschätzung von BMG CEO Hartwig Masuch:

„I am very cynical about the view that the good days have returned. Every renegotiation [with an artist] will cut down massively on the margin … Digital is portrayed as very complex… but if you take that cost out, how do you justify such a low rate? Why in the hell would an artist decide to take less than 75 per cent?“

BMG warns that music streaming boost could be shortlived

Von einem „Boom“ kann man jedenfalls nur sprechen, wenn man den Betrachtungszeitraum auf die letzen drei bis fünf Jahre beschränkt.

Was nicht sachgerecht ist.

Um die weggefallen CD-Verkäufe „wettzumachen“ und den Rekordwert von 1999 (23,8 Milliarden Dollar) zu erreichen, müsste der weltweite Umsatz der Phonoindustrie jedenfalls um 8,1 Milliarden Dollar oder 51,59 Prozent zulegen.

Und das dürfte noch zehn bis zwanzig Jahre dauern. Mindestens.

[1] Zu beachten ist, dass in den IFPI-Statistiken bis 2000 nur die Einnahmen aus dem Tonträgerverkauf angegeben wurden, seit 2001 werden auch die Einnahmen aus dem Aufführungs- und dem Synchronisationsrecht mitgezählt. Diese lagen 2016 bei 2,6 Milliarden Dollar, was 16,5% des Gesamtumsatzes entsprach.

[2]  in den USA waren dies 1998 die „safe-habor-Klauseln des Digital Millenium Copyright Acts (17 U.S. Code § 512), in Europa die nach diesem Vorbild 2000 eingeführten Regeln der E-Commerce-Richtlinie (§§ 12-15) in Verbindung mit deren Umsetzung in die nationalen Gesetze, zum Beispiel 2007 zur Providerhaftung im deutschen Telemediengesetz (§§ 7-10 TMG).

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