Toto Lotto, linke Frankfurter Hippies, die „dumpfe“ (bis „rechte“) Musik von Bands wie den Böhsen Onkelz und Der Durstige Mann & Herbert Egoldt

(Minimal bearbeitete) Anmerkungen zu einem Artikel von Martin F. (2006).

Es gibt übrigens die Theorie, dass Toto Lotto schuld daran sind, dass die „echten“ Frankfurter Punks dann solche stumpfen Gruppen wie Der Durstige Mann und Die Böhsen Onkelz hervorbrachten – in Abgrenzung zu den Frankfurter Hippies wie Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, die ihnen die intelligenteren Ausdrucksweisen von Punk weggenommen hatten.

Martin F., 18. August 2006

Diese „Theorie“ ist ziemlicher Quatsch!

  1. Gerade die linke Frankfurter Szene bot ja den „dumpfen“ Punks diverse Plattformen: In der Karl-Marx-Buchhandlung von Cohn-Bendit und Fischer wurden – lange bevor es Toto Lotto gab – Punkplatten und Fanzines (in Kommission) verkauft, in der Batschkapp fanden Punk-Konzerte statt.
  2. Punks legten nicht den geringsten Wert auf „intelligente Ausdrucksweisen“ oder „hohe instrumentale Virtuosität“. Für Jazz-Rocker, die auf New Wave („Wenn Punk eine Revolution war, dann war New Wave die Konter-Revolution“ Hans Wurst, 1978) machten, hatten „echte“ Punks nicht einmal Verachtung übrig.

Dieter K, 21. Juli 2007

Du übersiehst, dass Punk im wesentlich auf „dagegen sein“ basierte, eine „Zusammenarbeit“ mit Cohn-Bendit und Fischer wäre Verrat an Punk gewesen. Die gleichen Abgrenzungen gab es ja gegen Alfred Hilsberg in Hamburg wie du bei „Nein Nein Nein“ von den Buttocks schön hören kannst. Andererseits waren Punktexte nie „unintelligent“, sondern „direkt“ im Gegensatz zu „poetisch“ oder „verträumt“, bzw. „zynisch“ im Gegensatz zu „optimistisch“. Und Bands die ihre Instrumente beherrschten waren immer beliebter als Stümper wie die Vomit Visions und Durstiger Mann aus Frankfurt.

PS: Wer bitte ist Hans Wurst – und wo bitte ist bei dem New Wave-Monster-Hit „Heart of Glass“ von Blondie die „hohe instrumentale Virtuosität“?

Martin F., 27. Juli 2007

Hippies versus Punks:

Das war doch nicht viel mehr als Rhetorik, eine Vermarktungsstrategie.

Im Ernst hat doch schon damals kein Mensch (von den ganz hoffnungslosen Fällen einmal abgesehen) an den Gegensatz von Hippies und Punks geglaubt.

Alle Punkmusiker, die ich kenne, hatten und haben die Regale voll mit Pink-Floyd-Platten (und schlimmerem).

1978 hatten sich viele der frühen englischen Punks zu ihrer Hippie-Vergangenheit bekannt bzw. machten “Hippie-Musik” (Alternative TV, PIL).

Beim englischen Post-Punk ist der Hippie-Einfluss unüberhörbar.

Und Rough Trade war nichts anderes als eine Hippie-Genossenschaft.

John Lydon, Joe Strummer, Jello Biafra, Henry Rollins – alles Hippies.

Klaus Walter behauptet (zu Recht), dass die Hippies in Frankfurt “politischer und dadurch langlebiger als in anderen deutschen Großstädten waren” (WALTER 1993.34).

Richtig ist auch, dass Punk in Frankfurt von Anfang an von den durch Cohn-Bendit, Fischer & Co. (mit)errichteten subkulturellen Strukturen profitiert hat.

Vielleicht wurde auch versucht, die handvoll Punks, die es vor 1979 gab, politisch zu agitieren.

Das einige Punks, wie Stephan Weidner von den Böhsen Onkelz, dies als “subkulturellen Putsch” aufgefasst haben, mag sein.

Wahrscheinlicher ist, dass ihm dies viel später als post factum Rationalisierung für einige Texte der Böhsen Onkelz eingefallen ist.

Ich kenne keinen Frankfurter Punk, der die Zusammenarbeit mit den Alt-Hippies als “Verrat” beurteilt hat.

Falls darüber überhaupt gesprochen wurde, dann in dem Sinn, dass die Punks sich überlegen fühlten und die alten Hippies nicht ernst nahmen.

Ich kann mich jedenfalls nur daran erinnern, dass sich die Punks über die Leute in der Karl-Marx-Buchhandlung lustig machten, weil diese Ladendiebstahl (mehr oder weniger) tolerierten (jedenfalls niemals die Polizei riefen). [1]

Außerdem ist Walters Einschätzung, die (versuchte) Vereinnahmung von Punk als “linker” Musik sei ein spezifisch Frankfurter Phänomen (vgl. WALTER 1993.34f), vollkommen falsch. [2]

(Die Böhsen Onkelz waren ja auch nicht die einzigen Rechts-Rocker. Wenn ich mich nicht irre, war Rechts-Rock auch eine Modewelle, die als Oi! von England rüber schwappte).

Ende der 1970er Jahre hatte jeder drittklassige Soziologe – von NME- und (in Deutschland) Sounds- und (später) SPEX-Journalisten ganz zu schweigen – das politisch linke Widerstandpotenzial von Punk dechiffriert bzw. erfunden.

Hier kommt wieder Hilsberg ins Spiel, den Walter als positives Beispiel für “politisches Popbewußtsein” glorifiziert.

Dabei war gerade Hilsberg der alte Hippie, der bei der “Unterwanderung” des Punks in Deutschland am erfolgreichsten war.

Falls sich Frankfurter Punk gegen etwas gerichtet hat, dann genau gegen das von Hilsberg (und später von Diederichsen) verkörperte “Popbewußtsein”:

Gegen das von Musikjournalisten und anderen Möchtegern- bis Kleinkapitalisten verbreitete Märchen von der „linken Independent-Kultur”.

Der Verzicht auf die Gründung von langlebigen Bands und Labels, auf den Aufbau von “unabhängigen” Strukturen, war eine bewusste politische Entscheidung [3], eine radikale Absage an die Kulturindustrie, die sich durch die Integration von (vermeintlich) rebellischen Strömungen ständig erneuert.

(Mehr oder weniger) totale Verweigerung, im Sinne von Adornos Aphorismus:

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Das war das spezifisch „frankfurterische“ am deutschen Punk!

Übrigens waren Toto Lotto und sogar die diversen Limburger Bands um Tom Dokoupil bei den Frankfurter Punks beliebt.

Da gab es keine Berührungsängste mit Jazz-Rockern wie Wirtschaftswunder (live sensationell, auf Platte eher weniger, abgesehen vom “Kommissar”).

Aber so bedeutend, dass der “dumpfe” Punk als Reaktion darauf entstand, waren sie ganz sicher nicht.

Walters Behauptung, dass “keine einzige Frankfurter Band (…) seit 77 etwas Relevantes produziert [hat], bis zu den Onkelz” (WALTER 1993. 36), beruht auf seinem Geschmacks(vor)urteil gegen “dumpfen” Punk. [4]

Wie er ganz richtig schreibt, war die “Biertrinker-Dummkopf-No-Future-Attitüde” “carefully designt”.

Jedenfalls bei manchen Bands, zum Beispiel beim Durstigen Mann.

New Wave ist für mich kein Musikstil, sondern eine Marketingkategorie, in der völlig unterschiedliche Stile zusammengefasst werden.

Hans Wurst war der “stümperhafte” (und auch noch Stolz darauf) Bassist der Vomit Visions. Als Fanzine-Autor (“Same Old Song”, “Ultra Hard Core Punk Sounds”) hat er damals obskuren US-Punk bejubelt und die besten Texte gegen die Punk-Ideologie beziehungsweise gegen die ideologische Vereinnahmung des Punks geschrieben.

Und (natürlich) war er ein Hippie und (beinahe) auch ein Alt-68er.

Dieter K, 23. Juli 2007

Der Mythos vom linken Widerstandspotential ist glaube ich allerdings schon älter, der stammt ja noch von 68 und Kraut-Rock. Und die radikale Politik ist ja zum Teil auch erst von den Autonomen, die Punk für sich als kulturelle Ausdrucksform entdeckt (okkupiert) haben, hineingetragen worden.

Martin F., 24. Juli 2007

Ganz genau.

Von dem (späteren) „linken“ Deutsch-Punk habe ich (so gut wie) keine Ahnung. Da gab es diverse Szenen (Hamburg, Berlin) und die Chaos-Tage in Hannover gehören da wohl auch mit rein. Jedenfalls spielte Frankfurt da nur eine Nebenrolle.

(…) diese Art Stumpf-Punk war nun mal typisch für Frankfurt

Martin F., 24. Juli 2007

Da ich keine Böhsen-Onkelz-Platten besitze, habe ich mir ihre frühen Rock-O-Rama-Werke geliehen –und erstaunt festgestellt, dass die ziemlich gut sind. Das hält locker mit den besten Punk-Produktionen aus Düsseldorf oder Hamburg mit.

Kann da überhaupt nichts angeblich für Frankfurt typisches entdecken. Und so „dumb and dull“ wie der Durstige Mann klingen sie schon gar nicht.

Vomit Visions hatten kein Problem bei Herbert Egold’s Rock-O-Rama-Records zu veröffentlichen.

Martin F., 24. Juli 2007

Da EMI, CBS Records und Stiff eine Veröffentlichung abgelehnt hatten, mussten sie den erstbesten Vertrag akzeptieren …

Nein, im Ernst:

Rock-O-Rama war – lange bevor die zwei, drei anderen deutschen Versandhändler dazu kamen – die beste (einzige) Adresse für Punk aus US und UK. Hier hat sich Egoldt bleibende Verdienste erworben.

Weil die Vomit Visions aus ideologischen / prinzipiellen Gründen unbedingt Geld mit ihrer Musik verdienen wollten – und wer die „Punks Are The Old Farts Of Today“-EP gehört hat, weiß, welche Leistung es bedeutet, dafür bezahlt worden zu sein – kam die Gründung eines eigenen Labels – damals die große Mode – nicht in Frage.

Hans Wurst hat Egoldt 1978/79 bearbeitet, damit er ein Label gründet. Ausschlaggebend war letztendlich seine Empfehlung, die Razors (Hamburg) unter Vertrag zu nehmen, die – im Unterschied zu den Vomit Visions – kommerzielles Potenzial hatten.

Zu diesem Zeitpunkt (Ende 1979) gab es jedenfalls keinerlei Grund für besondere Bedenken gegenüber Egoldt / Rock-O-Rama.

(Nachdem Eric Hysteric Deinen Post gelesen hat, sagte er: „Wenn man einen Plattenvertrag unterschreibt, muss man immer Bedenken haben.“)

Außerdem waren die Vomit Visions nicht bei Egoldt / Rock-O-Rama unter Vertrag, sondern haben die EP lediglich für einen limitierten Zeitraum zur Veröffentlichung lizenziert. Alle Rechte an Aufnahmen und Kompositionen blieben bei der Band.

Womit wir schon bei Deinem letzten Punkt wären: Egoldt

(…) war zwar kein Hippie, aber wohl der skrupelloseste Geschäftemacher des Deutschpunk.“

Martin F., 24. Juli 2007

Richtig, Egoldt war kein Hippie – er war ein (Ex-)Teddy-Boy (und Malermeister).

Wenn Du „skrupellos“ auf den Nazi-Dreck beziehst, der Rock-O-Rama Jahre später großmachte, hast Du Recht.

In Bezug auf seine Geschäftsmethoden, die Verträge mit den Bands, bin ich mir nicht so sicher:

So weit ich weiß, hat Egoldt alle Kosten getragen und die Rechte an den Aufnahmen gegen einen Festbetrag (plus Freiexemplare) gekauft. Eine Umsatzbeteiligung in Form von Tantiemen war (in der Regel?) nicht vorgesehen.

Diese Vertragsbestimmungen waren – im Unterschied zu den üblichen Industrieverträgen – so leicht verständlich und eindeutig, dass sich alle Bands, die sich – zum Teil noch heute – darüber aufregen, fragen sollten, warum sie überhaupt unterschrieben haben.

„Skrupellos“ agierten jedenfalls auch andere deutsche Independent-Labels, darunter auch solche, deren Wirken – heute mehr denn je – verklärt wird:

Beispielsweise hat mindestens ein Labelboss seinen Musikern von einem GEMA-Beitritt abgeraten – und sich dann selbst als Autor bei der Verwertungsgesellschaft registrieren lassen. [5]

Außerdem nutzen gerade kleine Labels (bis heute) die (selbstverschuldete!) Unkenntnis der Musiker aus, in dem sie sich die Verlagsrechte an den Eigenkompositionen sichern, häufig ohne nennenswerte Gegenleistung. [6]

Und Moritz R® hat in seinem Buch „Der Plan. Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle“ über seine Erfahrungen mit einem Großhändler berichtet, der mit den Einnahmen aus dem Vertrieb von Plan-Platten den Auf- bzw. Ausbau eines Labels finanzierte. Dann meldete der Großhandel bankrott an und Der Plan bekam kein Geld. Das Label bzw. Nachfolgefirmen davon gibt es noch heute ….

Dieter K, 24. August 2008

 

[1] Die radikalste Maßnahme der Spontis gegen die Punks war der Rauswurf. Zum Beispiel wurde (mindestens) einmal ein Haufen Punks aus der Karl-Marx-Buchhandlung rausgeschmissen, weil sie sich stundenlang „Robin Hood“ und/oder „Susan Baker“ von Eric Hysteric & The Esoterics angehört hatten.

[2] „Punk in Frankfurt bestand 77/78 zu einem guten Teil aus Hippie-Bashing auf dem Flohmarkt“ (WALTER 1993. 34). Mitte 1978 gab es in Frankfurt circa 10 bis 15 Punks, denen tausende von Hippies gegenüberstanden, das heißt, Walters Vorstellung vom Hippie-Bashing auf dem Flohmarkt ist ein pures Produkt seiner journalistischen Phantasie.

[3] Dies gilt zumindest für die Vomit Visions, die zu 50 Prozent aus Soziologie-Studenten bestanden.

[4] Oder er hat keine Ahnung, wovon er spricht. Kenner der Materie wie Patrick Orth wussten schon in den 1980er Jahren, dass die Vomit Visions die Dead Kennedys beeinflusst haben & dass Der Durstige Mann zu den Lieblingsbands der Kritiker von Flipside & Maximum Rock’n’Roll gehörten (vgl. Eric Hysteric).

[5] Der Name ist der Redaktion bekannt!

[6] Diese Praxis war in Amerika schon in den 1920er Jahren üblich. In Deutschland dürfte der unter [5] angesprochene Labelboss zu den Vorreitern dieser üblen Masche zählen.

 

Literatur:

ANNAS, Max / Ralph CHRISTOPH (Hg.) (1993), Neue Soundtracks für den Volksempfänger. Nazirock, Jugendkultur & rechter Mainstream, Berlin: Edition ID-Archiv

REICHELT, Moritz (1993), Der Plan. Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle. Die Geschichte einer deutschen Band, Berlin: Martin Schmitz Verlag

WALTER, Klaus (1993), Dicker Stefan, gutes Kind, in: ANNAS / CHRISTOPH (Hg.) 1993, S. 26-46

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