Ein aktuelles Beispiel für den Niedergang des ehemaligen Nachrichtenmagzins „Der Spiegel“

Auf welches Niveau „Der Spiegel“ im Jahr 2020 gesunken ist, zeigt sich einmal mehr an der Berichterstattung zur Musikindustrie.

Die Spiegel-Journalisten scheitern schon daran, die simplen RIAA-Statistiken (bzw. Agenturberichte dazu) zu verstehen und korrekt wiederzugeben.

Laut „Der Spiegel“ wurden im ersten Halbjahr 2020 in den USA mehr Vinyl-Platten als CDs verkauft.

Screenshot 11. September 2020, 15:45

Vinyl ist schon länger wieder im Trend, diese Marke aber ist regelrecht historisch: Zum ersten Mal seit 1986 wurden in den USA im ersten Halbjahr mehr Schallplatten verkauft als CDs.


DER SPIEGEL 11. September 2020, URL: https://www.spiegel.de/kultur/musik/mehr-vinyl-schallplatten-als-cds-verkauft-in-den-usa-zuletzt-1986-a-945e7608-de92-450d-88e4-38a423ba7d97

Das ist falsch.

Wie schon aus dem Titel der RIAA-Mitteilung (Mid-Year 2020 RIAA Revenue Statistics) hervor geht, handelt es sich bei den RIAA-Angaben um die erzielten UMSÄTZE, NICHT um die VERKAUFSZAHLEN.

Von dem Tonträger-Umsatz (376 Millionen Dollar) entfielen 232 Millionen Dollar auf Vinyl, 144 Millionen Dollar auf CDs.

Bei den CDs betrug das Minus dabei 47,6 Prozent, während laut RIAA 3,6 Prozent mehr Schallplatten verkauft wurden.


DER SPIEGEL 11. September 2020, URL: https://www.spiegel.de/kultur/musik/mehr-vinyl-schallplatten-als-cds-verkauft-in-den-usa-zuletzt-1986-a-945e7608-de92-450d-88e4-38a423ba7d97

Auch das ist falsch: Es wurden nicht 3,6 Prozent mehr Schallplatten bzw. 47,6 Prozent weniger CDs verkauft, sondern die Prozentangaben beziehen sich auf die erzielten Umsätze.

Schaut man sich die RIAA-Daten an, dann werden auch die units shiped (für SPIEGEL-Redakteure: „ausgelieferte Einheiten“) genannt:

Vinyl (LP/EP): 8,8 Millionen (+2,3%)

CDs: 10,2 Millionen (-45,2%)

Wobei die „ausgelieferten Einheiten“ NICHT mit den verkauften Einheiten identisch sind. Aber das nur nebenbei.

Jedenfalls sollten auch Spiegel-Journalisten erkennen können, dass 10,2 Millionen mehr als 8,8 Millionen sind.

Blödsinn ist auch reißerische Teaser „Trendwende in den USA“:

Die Vinyl-Verkäufe steigen seit Jahren, der CD-Absatz geht seit Jahren zurück.

Das letzte Jahr, in dem in den USA mehr Vinyl-Schallplatten als CDs ausgeliefert wurden, war 1987:

QUELLE: Eigene Berechnungen auf Basis der RIAA-Statistiken (vgl. https://www.riaa.com/u-s-sales-database/)

1988 wurden erstmals mehr CDs (151,3 Millionen Einheiten, Marktanteil 19,8%) als Vinyl-Schallplatten (137,0 Millionen Einheiten, Marktanteil 18,1%) ausgeliefert.

Zum Vergleich: Marktführer waren damals noch immer Kassetten (450,1 Millionen Einheiten, Marktanteil 59,1%).

Ergänzung 15. September

Auch bei der taz kann man nicht lesen:

Screenshot 15. September, 12:30 Uhr, Rillen in der Nische

HARD CORE PUNK

(Volker H, unveröffentlichtes Editorial, ca. Dezember 1979)

Volker H agitiert Henry Rollins © Dieter K

Für alle, die die SOUNDS immer noch lesen:

Jetzt könnt ihr Kindsköppe euch selbst ein Bild machen.

Hier mal eine völlig beliebige Liste von Namen, die in SOUNDS wohlweislich nicht erwähnt werden (und vermutlich auch in keiner anderen deutschen Zeitung):

Alan Milman Sect,

Aurora Pushup, Arthur J and The Gold Cups, Alleycats, Black Randy,

Bizarros,

Berlin Brats,

Bags, Black Flag,

Controllers,

Crime,

Catholic Discipline,

Chain Gang,

Circle X,

Dogs,

Debris,

DOA,

DMZ,

Deadbeats, Diodes,

Distorted Levels,

Übrigens: Jetzt soll bloß keiner von euch Schwachköpfen auf die superschlaue Idee kommen und mir nachweisen, dass die eine oder andere Gruppe doch irgendwo erwähnt worden ist.

Das wäre wirklich unglaublich!

How stupid can you get?

Enemy, Eyes, F-Word, Feeders, Flipper,

Flyboys,

Features, Grand Mal, Gizmos,

Geza X & His Mommy Men,

Howlin’ Banana,

Half Japanese,

Hates, Headache,

Hollywood Squares,

Ivy Green, Imperial Dogs,

Johnny and The Dicks,

Killer Kane, Liars, Low Numbers, Lowlife,

Legionaires Disease,

Little Roger, Machines, Brendan Mullen, Mad Virgins, Menace,

Mary Monday,

Misfits, Middle Class, Natchband, Nervous Eaters,

No Alternative,

Negative Trend, Nazis Against Fascism, O’Rex, Pork Dukes, Pagans,

Plugz,

Permanent Wave, Rejects, Rocket From The Tombs, Ravers, Randoms, Rik L. Rik,

Rhino 39,

Skulls, Satintones,

Spitfire Boys

Ich könnte ja jetzt gehässig werden und anschließend eine Liste bringen mit Gruppen, über die etwas drin steht! Zum Beispiel Kate Bush, Eberhard Schöner, Lake, Holger Hiller etc. Zuviel Arbeit, weiter im Text:

Sheet Punks, Sister Ray, Son Of Pete,

Snivelling Shits,

Shock, Strict IDs, Suzannes,

Simpletones,

Shrapnel,

Seizure,

Sleepers,

Skidmarx,

Subhumans, Smiley Tale, Tracks,

Teenage Head,

Users, Unnatural Axe,

UXA,

Urinals, Vom, Vermilion,

Vomit Visions,

Whores, Worst,

White Boy,

Weasels, X-X,

Young Canadians,

Zeros.

Punkt.

Damit ist ja wohl alles klar. Es zeigt hoffentlich auch dem allerletzten Arschbacken (Das bist nämlich du!), dass SOUNDS ein völlig antiquiertes, überflüssiges Hippemagazin (geblieben) ist.

Manche Leute leben eben immer noch in der Vergangenheit und kommen deshalb jedes Mal Jahre zu spät.

Angefangen hat die SOUNDS als stilreines Jazzfachblatt, jammerte dann in den mittleren 70er Jahren über die längst vergangenen Jahre des Psychedelic Rock, und heute hält sie mal wieder den Kulturrock aus England (denn genau das ist der englische New Wave inzwischen) für die kommende Musik.

Allmählich sollte es wirklich jedem aufgegangen sein:

Nicht die gequälte Künstlerseele produziert die Musik von heute, sondern die Aufgabe erfüllt einzig und allein die Musik, die direkt von der Straße kommt:

HARD CORE PUNK.

Irgendwann, so in 10 bis 15 Jahren werden sich unsere so gehassten Pseudopunks wehmütig an die verlorene Jugend erinnern.

Dann werden die Ratten aus ihren Löchern kommen und uns allen erzählen: „Damals, ja damals hat es noch gute Musik gegeben“, „Das waren Zeiten damals, als es noch Teenage Jesus und die Sex Pistols gab!“, „Soll ich euch noch mehr erzählen, was haben wir damals alles erlebt“, und ähnliches Geschwätz.

Ich will euch Bettnässern eins sagen:

Ich habe in Deutschland noch niemals jemanden getroffen oder von jemanden auch nur gehört, der von Anfang an den US-Punk für das Größte hielt.

Keinen einzigen hab‘ ich je getroffen!

Alle, die ich kenne und die immerhin heute auf LA oder San Francisco stehen, habe ich ursprünglich selber agitiert!

Mit anderen Worten: Es handelt sich dabei um schwächliche Imitatoren.

Deshalb muss ich auch mal in aller Bescheidenheit sagen, dass ich der einzig Kompetente bin, wenn es um dieses Thema geht.

Lest also im Impressum genau nach, wer welchen Artikel geschrieben hat!

Schließlich wäre es mir verdammt peinlich, wenn ich dafür herhalten müsste, dass irgendjemand die Plasmatics für besser als die Germs hält!

Oder X für besser als die Dead Kennedys!

Einfach albern ist das.

Erich, das war wirklich dein absoluter Tiefpunkt!

Und dann diese peinliche Bemerkung über Crime („Danach klingt Frustration wie ein Lied von Heintje!“. Heintje! Wer ist das überhaupt. Die Gruppe kenn‘ ich gar nicht.)

Jetzt nimm dich gefälligst mal zusammen!

Sonst komm ich dir mal rüber!

Also bitte, ja?

Oder muss ich erst böse werden?

Nebenbei, wenn E. schreibt, er habe beim DK-Konzert fast kein Lied „live“ wiedererkannt, und dies zeige den Unterschied zwischen Platte und Live-Auftritt, so zeigt dies doch nur, mit wieviel Kisten Lager der ins Konzert geht.

Prost!

RIP Christopher Paul CP Lee (1950-2020)

CP Lee war seit Mitte der 1960er Jahre eine zentrale Figur der Musikszene von Manchester. 1973 gründete er Alberto y Lost Trios Paranoias, deren von Nick Lowe produzierte Snuff Rock EP Stiff Records 1977 veröffentlichte.

Später arbeitete Lee als Journalist und lehrte an der Universität von Salford.

Er schrieb diverse Bücher, darunter Dylan Judas 1966 Like The Night [1], Shake Rattle And Rain: Popular Music Making In Manchester 1955 -1995 und

WWWT.jpg
When We Were Thin: Music, Madness and Manchester – Alberto Y Lost Trios Paranoias.

 

Letztes Jahr hat Ian Clayton CP Lee interviewt, bereits aus dem Jahr 2006 ist ein Gespräch mit Aidan Rourke.

 

[1] Während Bob Dylans Musikverlag normalerweise so um die tausend Dollar pro Liedzeile für Zitate in Bücher verlangt, musste Lee (bzw. sein Verlag) nur 35 Dollar zahlen. Später kaufte das Dylan-Management 500 Exemplare des empfehlenswerten Buchs.

 

 

 

 

Die Vomit Visions treffen die Ramones, 4. Juli 1985, Bochum, Novotel (Biergarten)

Genau neun Jahre nach jenem legendären Auftritt im Roundhouse (erstes Konzert außerhalb der USA), den Eric & ich verpasst hatten, spielten die Ramones in Bochum.

1985 waren Ramones-Konzerte zwar schon lange nichts besonderes mehr, aber bevor Punk endgültig zur reinen Nostalgie verkam, wollte ich die Band, immerhin waren noch drei Original-Mitglieder dabei, noch mal sehen.

Weil in Frankfurt keine Mitfahrer aufzutreiben waren, machte ich mich gegen 12.00 Uhr auf den Weg nach Gießen und auf die Suche nach Hans Wurst, der in einer Diskothek (!) wohnte.

In der extremen Mittagshitze kurvte ich durch ein Industriegebiet bei Wieseck, bis ich endlich die Ami(?)-Disko fand. Irgendwie gelang es sogar, den schon damals legendären (jedenfalls in his own mind) Vomit-Visions-Bassisten rauszuklingen.

Hans Wurst bevorzugte Punk von der Westküste und nach seiner Meinung waren die Ramones schon lange „fertig“, aber natürlich war er beim ersten BRD-Konzert (Hamburg, Markthalle, 11. September 1978) gewesen und auch jetzt war er sofort mit von der Partie.

Damit waren die halben Vomit Visions beisammen, was lag näher, als Eric Hysteric mitzunehmen?

Genau.

Nichts.

Also ab nach Löhnberg, wo Eric Hysteric nach vollbrachtem Tagwerk trotz der Hitze den Schlaf des Gerechten schlief.

Mit einiger Mühe gelang es uns, Eric aufzuwecken. Noch mühsamer war es dann, ihn zum mitkommen zu bewegen.

Inzwischen war es 15.00 Uhr und während Eric duschte und sich ausgehfertig machte, gingen Hans Wurst & ich Kaffee trinken.

TicketRamonesBochum.jpg

Wasted Vinyl Collection

Wir kamen gerade noch rechtzeitig in Bochum an, und da es nicht ausverkauft war (eigentlich ein Skandal!), konnten wir problemlos Tickets kaufen.

Das Konzert war okay: Auch mit dem zweiten Ersatzdrummer (Richie) spielten die Ramones ihr Programm wie eine gut geölte Maschine runter.

Aber es war halt 1985 und 1977 war schon lange vorbei.

Hab‘ ich schon erwähnt, wie heiß es war? Das hatte sich auch nach dem Konzert, das knapp eine Stunde dauerte, nicht wesentlich geändert.

Direkt neben der Ruhrlandhalle stand ein Novotel, das groß Werbung für den hoteleigenen Biergarten machte.

An dem konnte Eric nicht vorbei gehen …

Kurz nach 22.00 Uhr wurde es langsam dunkel. Wir saßen in dem leeren Lokal, da kamen ein paar langhaarige Gestalten rein.

Richtig geraten: die Ramones (plus Tourmanager und ein paar Rumhänger, aber ohne Groupies).

Jetzt wurde Eric erst richtig munter.

Er schenkte Joey einige seiner Solo-Singles und die aktuelle Der-Durstige-Mann-Single (Wo Geht’s Hier Zum Bahnhof / Im Winter Whiskey Im Sommer Pernod).

Dabei erläuterte er den wichtigsten Unterschied zwischen den Ramones und Der Durstige Mann:

Die Ramones hatten ihren ersten Ersatz-Drummer (Marky) wegen Alkoholismus gefeuert, bei Der Durstigen Mann war Alkohlkonsum Pflicht.

Während die anderen drei Ramones bald verschwanden – dass bei uns keine Drogen zu schnorren waren, hatte Dee Dee sofort geschnallt -, verwickelte Eric Joey in ein längeres Gespräch, in dem er ihm erklärte, warum die Ramones die – nach Velvet Underground – zweitbeste Band aller Zeit waren.

Eric rezitierte die Texte und/oder sang die wichtigen Stellen vor, erläuterte die Akkordfolgen usw. Dabei unterbrach er sich immer wieder und fragte Joey: „You know?“.

Schade, dass es davon keine Aufnahme gibt!

Novotel-StreichhölzerJR1985

Novotel-Streichholzpäckchen, Signed by Joey Ramone, Wasted Vinyl Collection

Kaum zu glauben, dass die Ramones im Sommer 1985 erst die Hälfte ihrer Karriere hinter sich hatten und noch weitere elf Jahre durch die Welt tourten.

Insbesondere wenn man berücksichtigt, was damals nur Insider wussten: Johnny & Joey waren schon lange zerstritten und redeten nicht mehr miteinander.

 

Setlist vom 4. Juli 1985 (Bochum):

01 – Durango 95
02 – Teenage Lobotomy
03 – Psycho Therapy
04 – Blitzkrieg Bop
05 – Do You Remember Rock ‚N‘ Roll Radio?
06 – Danger Zone
07 – Gimme Gimme Shock Treatment
08 – Rock ‚N‘ Roll High School
09 – I Wanna Be Sedated
10 – Beat On The Brat
11 – The KKK Took My Baby Away
12 – Commando
13 – Judy Is A Punk
14 – Suzy Is A Headbanger
15 – Let’s Dance
16 – 53rd & 3rd
17 – Too Tough To Die
18 – Chinese Rock
19 – Wart Hog
20 – Rockaway Beach
21 – Surfin‘ Bird
22 – Cretin Hop
23 – California Sun
24 – Today Your Love Tomorrow The World
25 – Pinhead
26 – Mama’s Boy
27 – Highest Trails Above
28 – Sheena Is A Punk Rocker
29 – I Don’t Wanna Walk Around With You
30 – We’re A Happy Family

Die Musikindustrie 2020 am Beispiel der WMG

In den 1970er & 1980er Jahren waren die Labels und Musikverlage von WEA (Warner Elektra Atlantic) ein wichtiges Profitcenter des Unterhaltungskonzerns Warner Communications. Ende der 1980er Jahre ging aus WEA die Warner Music Group (WMG) hervor, ein Musik- und Unterhaltungskonzern, der seine weltweiten Aktivitäten stetig erweiterte.

WMGLogo

Obwohl die Geschäfte besser als je zuvor liefen, geriet die WMG Mitte der 1990er Jahre unter Druck: Nach der Fusion von Warner Communications mit Time Inc. zu Time Warner (1989) war das neue Konglomerat so hoch verschuldet, dass durch ständige Umstrukturierungen Einsparungs- und Wachstumspotentziale (Synergie!) realisiert werden sollten.

Fatal war dann 2000 der Verkauf von Time Warner an AOL. [1] Auf die durch den Umsatzeinbruch in der Musikindustrie ausgelöste Krise reagierte das überforderte AOL-Time-Warner-Management mit der Zerschlagung der WMG:

Die Tonträgerfertigung und -distribution ging für 1,05 Milliarden Dollar an Cinram (2003), die Rest-WMG kauften Finanzinvestoren rund um Thomas H. Lee Partners für 2,6 Milliarden Dollar (2004).

Der Preis war so lächerlich niedrig, dass die neuen Eigentümer ihren Einsatz bereits vor dem Börsengang (11. Mai 2005) aus dem Unternehmen extrahiert hatten. [2]

Da es dem neuen Management unter Edgar Bronfman jr und Lyor Cohen in den nächsten Jahren nicht gelang, den Unternehmenswert nachhaltig zu erhöhen, erhielt Goldman Sachs den Auftrag, den Musikkonzern zu versteigern.

Am 6. Mai 2011 kaufte Access Industries, eine Holding des russischen Oligarchen Leonid Valentinovich Blavatnik, die WMG für 8,25 Dollar pro Aktie (1,3 Milliarden Dollar) plus Übernahme der Schulden (1,9 Milliarden Dollar).

Access nahm die WMG von der Börse und baute das Unternehmen aus, z. B. mit dem Kauf von Parlophone Records für 765 Millionen Dollar (7.2.2013).

Heute machte Blavatnik (mit Hilfe der üblichen Verdächtigen Morgan Stanley, Credit Suisse und Goldman Sachs) Kasse:

Die WMG war der erste Konzern, der nach/während der Corona-Pandemie an die Börse (NASDAQ) gebracht wurde.

77 Millionen Aktien, das entsprach etwa 14 Prozent des Kapitals, wurden zu einem Ausgabekurs von 25 Dollar angeboten. [3] Daraus ergab sich ein Marktwert von 12,75 Milliarden Dollar. [4]

Da erstens nur ein unmaßgeblicher Anteil verkauft wurde und zweitens die Class-A-Aktien kein Stimmrecht haben, behielt Access Industries die vollständige Kontrolle über die WMG.

Der Erlös (1,925 Milliarden Dollar) floss vollständig in die Kassen von Access / Blavatnik.

 

Anmerkung 2020-06-03 231953

WMG-Unternehmenswert 2004, 2005, 2011, 2020 (in Mio. Dollar)

 

[1] AOL (America Online) war ein hoffnungslos überbewerteter Internetkonzern, der seine Bilanzen mit Hilfe zahlreicher Tricks geschönt hatte.

[2] Aufgrund der finanziellen Transaktionen der neuen Eigentümer stiegen die Schulden der WMG von 132 Millionen auf  2,26 Milliarden Dollar.

[3] Der Schlusskurs am 3. Juni 2020 war 30,12 Dollar, das heißt, der Marktwert war um 20,5 Prozent auf 15,36 Milliarden Dollar gestiegen. Inklusive der Schulden ergab sich ein Unternehmenswert von 17,85 Milliarden Dollar.

[4] Über zwei Tochterfirmen (Huang River Investment Limited & Tencent Music Entertainment Hong Kong Limited) kaufte die chinesische Tencent Holdings Ltd. am ersten Börsentag für etwa 200 Millionen Dollar acht Millionen Aktien. Dies entsprach einem WMG-Anteil von 1,6 Prozent (und NICHT, wie sogar im Billboard zu lesen war, von zehn Prozent).

Radiotipp: Hörspiel „Lou Reed in Offenbach“, hr2, 30. Mai 2020, 23.05 Uhr

Oliver August, der als 17-jähriger auf diesem Konzert war, hat sein Erlebnis zusammen mit Françoise Cactus und Brezel Göring (auch bekannt als Stereo Total) zu einer Musiktheaterperformance verarbeitet, die Mitte März als Live-Stream aus dem Mousonturm Premiere hatte.

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© Screenshot hr2

 

Morgen Abend sendet hr2 eine Hörspielfassung.

12 Songs und die „Aussagen“ von Zeitzeugen, die zum einen den Star aus Sicht seiner Wegbegleiter und anderer Zeitzeugen porträtieren und kommentieren, zum anderen eine subjektive Sicht aus der nachkriegsdeutschen Provinz auf die vermeintlich große weite Welt darstellt.

hr2-Programmvorschau

Als Podcast zum hören / runterladen hier.

Übrigens hat der Auftritt nicht fünf Minuten, wie im Hörspiel behauptet, sondern etwa eine Stunde gedauert.

Auf einem Bootleg ist zu hören, dass Lou Reed zehn Songs in miserablen Versionen spielte:

Sweet Jane / Coney Island Baby / I’m Waiting For The Man / I’ll Be Your Mirror / Perfect Day / Looking For Love / Men Of Good Fortune / Caroline Says / The Kids / Berlin / Sad Song.

 

 

 

Eric Hysteric Rarities VI

Die Geschichte von Eric Hysterics bis heute teuersten Rarität beginnt im australischen Winter 1977, als der Ire Andy Groome (guitar, bass) und der Schotte Malcolm Baxter (vocals, drums) im Axent Studio (Kogarth, Sydney) Animal World & Wondering Why produzierten. [1]

Animal World, Remand, RRCS 2439, Australien, 1977

Dann gründeten Baxter & Groome ein Label, Remand, und veröffentlichten die Aufnahmen im Oktober 1977 unter dem Namen THE LAST WORDS auf einer Single, Auflage: 500 Stück. Als Cover reichte die übliche weiße Schutzhülle aus der Fabrik. [2]

Wondering Why, Remand, RRCS 2439, Australien, 1977

Das Potential der Last Words erkannten sogar die Manager von Wizard, einem Label das Robie Porter und Steve Binder gehörte. Im Juni 1978 schickten sie die Band, inzwischen mit Rique Lee Kendall [3] am Bass und Jeff Wegener an den Drums, ins Studio. Unter der Leitung des Produzenten Lee Karsky (Midnight Oil) entstanden sechs Songs.

Am 6. November 1978 veröffentlichte Wizard Animal World b/w Every Schoolboys Dream auf einer aus blauem Vinyl gepressten Single.

PhonogramSleeve

Animal World / Every Schoolboy’s Dream, Wizard, ZS-196, Australien, 1978, Wasted Vinyl Collection

Ein picture cover [4] gab es nicht, nur ein generisches Cover des Vertriebspartners Phonogram. 

Das gesparte Geld investierte Wizard in ein Video. Außerdem durfte die Band bei einer für den weltweiten Erfolg wichtigen PolyGram-Konferenz vorspielen, wobei sie die versammelten Manager nachhaltig verschreckten.

Zur gleichen Zeit am anderen Ende der Welt (na ja, fast):

Ich war gerade aus London zurückgekommen, wo ich in der Nacht zu Sonntag u.a. Billy Idol, Phil Lynott, Chris Spedding und Steve Jones kennengelernt hatte, als – ohne jede Vorwarnung – am Mittwoch, dem 22. November 1978, Hans Wurst – auf der Suche nach einer Lene-Lovich-Single (!) – vor der Tür stand. Am folgenden Sonntag statten Eric Hysteric & ich ihm einen Gegenbesuch in Gießen ab. Dabei spielte er uns jede Menge obskure Punkplatten vor, überwiegend amerikanische: [5]

Den stärksten Eindruck machte die Remand-Single mit Animal World und der B-Seite Wondering Why, eine der besten Balladen der Popgeschichte, wie Eric Hysteric sofort erkannte. 

Down under glaubten die Last Words nicht mehr an die Versprechen von Wizard. Im australischen Sommer 1979 packten Malcolm, Andy & Leigh ihre Koffer und machten sich wie die Bee Gees, Olivia Newton-John, die Saints und zahlreiche andere vor ihnen, auf den Weg nach London.

Dort ging es dann relativ schnell: John Peel war von Animal World begeistert und Rough Trade wollte eine Single veröffentlichen. Da die Band ein Tape mit vier der von Karsky produzierten Songs mitgebracht hatte, sparte sich Rough Trade das Geld für das Studio und im Juni 1979 erschien Animal World, diesmal mit No Music In The World Today auf der Rückseite, zum dritten Mal auf einer Single.

Animal World / No Music In The World Today, Rough Trade, RT 022, UK

Label RT022 Original

Label RT022, Original, Wasted Vinyl Collection

In den ersten Wochen wurden rund 5.000 Exemplare (damals durchaus üblich) verkauft, und der Erfolg, immerhin Platz 8 in der vom New Musical Express wöchentlich veröffentlichten „alternativen“ Hitparade, sprach sich bis nach Australien rum.

RTWizardLabel RT022

Label RT022, Version 2, Wasted Vinyl Collection

Verständlicherweise war Wizard wenig begeistert: Rough Trade musste die Labelangaben korrigieren und die Tantiemen (50 Prozent vom Gewinn) nach Australien überweisen. [6] Getreu den im Künsterlexklusivvertrag vereinbarten Konditionen zahlte der Musikkonzern davon 3,5 Prozent an die Last Words. Zumindest theoretisch.

Um Einnahmen zu generieren, und um ihre Popularität zu steigern, tourten die Last Words im britischen Sommer mit dem Londoner John Gunn am Schlagzeug durch kleine Clubs und die Provinz.

Eric Hysteric, der am 12. Juni 1979 seine Zelte in Löhnberg ab- und nach London aufgebrochen war, lernte die Last Words im Juli in Deptford kennen, wo sie als support act der Swell Maps spielten.

Es folgten diverse gemeinsame Projekte, z. B. die erste Vomit-Visions-Single mit Leigh, die Stiff-Demos und die „Drive You Crazy“ LP mit Andy & Leigh.

Anfang der 1980er Jahre zogen Malcolm, Andy & Leigh zurück nach Australien und auch Eric Hysteric, der „verlorene Sohn“ (Karl Bruckmaier), kehrte heim.

Im Januar 1984 kam Leigh dann noch einmal nach Löhnberg [7] – und brachte einen Karton mit der schon damals (jedenfalls in eingeweihten Kreisen) legendären ersten Remand-Single mit.

Um deren Verkäuflichkeit zu steigern, bastelte Eric – fast 30 Jahre bevor David Bowie auf die selbe Idee kam – aus einer Hülle der Oldies-but-Goldies-Serie von RCA Germany und einer Postkarte aus Sydney ein Cover im Wasted-Vinyl-Stil:

EricsCoverA

Wasted Vinyl Collection

Insgesamt gab es maximal 20 bis 25 Singles mit Cover, die meisten davon verkaufte Eric im Sommer 1984 auf dem Frankfurter Flohmarkt.

EricsCoverB

Wasted Vinyl Collection

Wer angesichts des vermeintlich hohen Preises (zwischen 15 und 30 DM) nicht nur geflucht, sondern trotzdem zugeschlagen hat, darf sich freuen. 2014 wurde die Platte mit Erics Cover zum ersten (und soweit ersichtlich einzigen) Mal bei eBay angeboten und erreichte dabei einen unglaublichen Preis:

1.429 britische Pfund bzw. $1.835!

Anmerkung 2020-05-10 212004

© Screenshot Popsike.com

Wie verrückt Schallplattensammler sind, zeigt sich daran, dass die Version ohne Cover bei Discogs nur Preise zwischen 104 und 150 Euro erzielt.

Noch viel verrückter ist, dass bei eBay für Singles mit einer Fotokopie von Erics Cover $411 (14. April 2015). $200 (5. August 2015)$161 (16. Januar 2016) und $226 (26. April 2020) bezahlt wurden.

Ohne Cover bzw. mit dem Original-Cover lagen die Preise auf der Versteigerungsplattform zwischen $73 (12. März 2019) und $260 (4. Dezember 2012).

 

[1] Kurz danach nahmen Malcolm & Andy im selben Studio noch zwei weitere Titel auf: I’m Not Amused & I Hate The Sun, erstmals veröffentlicht 2015 (Product 45, Product 45.2, 500 Stück, grünes oder blaues Vinyl) als Beilage für das Buch „Product 45 Australian Punk / Post Punk Record Covers Book“. Wie aus dem Titel unschwer zu erkennen, geht es darin nicht um die Musik, sondern um die Verpackung.

[2] Einige wenige Exemplare waren mit LAST WORDS gestempelt. Dieses Cover ist noch seltener als das von Eric. Gebote unter 500 Euro für eine FOTOKOPIE sind zwecklos.

[3] Kendall hatte sechs Jahre in Kanada gelebt und in Vancouver bei den Skulls gespielt. Zurück in Australien war er unter dem Namen Matt Black vorübergehend bei den Thought Criminals.

[4] Bildhüllen waren auch in Großbritannien erst seit Punk Standard: Musiker und Labelbetreiber dieser – laut der bis heute von Musikjournalisten und anderen Schwätzern verbreiteten Ideologie – „anti-kommerziellen“ Stilrichtung legten von Anfang an sehr viel Wert auf die Verpackung.

Zur politökonomischen Funktion der Werbung siehe Wolfgang Fritz HAUG (1971), Kritik der Warenästethik, Frankfurt: Suhrkamp (in der Neuausgabe von 2009 erweitert um die „Warenästhetik im High-Tech-Kaptitalismus“).

[5] Später tauchte Rola Rock auf, ein durch Jahrzehnte langes Lesen der Musikpresse geschulter Trendie (damals ein Schimpfwort), der optisch genau dem Klischee eines Punksängers entsprach. Höhepunkt des Tages war, als Eric Hysteric (live und in Farbe) ein Gedicht von Hans Wurst vertonte: Punks Are The Old Farts Of Today. Aber das ist eine andere Geschichte.

[6] Nach dem Ärger verzichtete Rough Trade auf die Produktion einer LP und die nächsten Platten der Last Words erschienen wieder auf Remand bzw. auf Armageddon Records (vgl. The Last Words).

[7] Im Februar 1984 gingen Eric & Leigh nochmal zusammen ins Studio. Da ich damals die Wochenenden in der Diezer Großraum-Disco „Easy“ verbringen musste, saß bei dieser Session Bernd Hasenfus an den Drums.

 

Many thanks to Wallaby Beat for the interview with Malcolm Baxter: It Never Ends: The Last Words – Animal World