Sex Pistols, Original 1977 Virgin Records Promo Poster, designed by Jamie Reid

Vor ziemlich genau 40 Jahren, an einem heißen Nachmittag im August 1977, schlenderten Eric Hysteric und ich – genau wie unzählige andere Touristen, Trendies & Pseudo-Punks – die King’s Road vom Sloane Square runter bis nach World’s End, wo Vivienne Westwoood und Malcolm McLaren ihre Boutique Seditionaries betrieben.

In Bezug auf Kleidung hatte uns der (total dunkle und schön kühle) Laden nix zu bieten, aber für weniger als ein Pfund (rund drei Deutsche Mark / 1,5 Euro) gab es dort die von James Reid gestalteten Promo-Poster zu den damals aktuellen Singles der Sex Pistols zu kaufen.

PosterSecPistolsGodSaveTheQueen.jpg

God Save The Queen, Original Poster, Virgin Records, 1977, Wasted Vinyl Collection

Bei eBay wird „God Save The Queen“ gerade für 2.900 Dollar angeboten:

2017-08-06_ebay.jpg

Screenshot: eBay

Und Pretty Vacant dürfte sogar noch wertvoller sein.

PosterSexPistolsPrettyVacant.jpg

Pretty Vacant, Original Poster, Virgin Records, 1977, Wasted Vinyl Collection

Musikjournalismus in der BRD, Punk und der Mythos von den (angeblich) unabhängigen Labels

(Fragmente aus den 1980er & 1990er Jahren, aktualisiert und remixed 2017)

Wie richtig Eric Hysterics Analyse der deutschen Musikpresse war, zeigte sich spätestens 1986, als Hans Magnus Enzensberger für den Bereich der Literatur zu genau demselben Ergebnis kam, wie Eric sieben Jahre zuvor. In einem Aufsatz für die Neue Zürcher Zeitung beschrieb Enzensberger den Übergang vom Kritiker zum Zirkulationsagenten so:

Für den Kritiker seligen Angedenkens war die Literatur ein Nexus von Schriften, die er liebte oder hasste, bewunderte oder verwarf. Dagegen interessiert den Zirkulations-agenten nicht der Text, sondern der Trend, den er aus seinen Eingeweiden liest. Sieger ist, wer den Trend als erster ansagt, Verlierer, wer als letzter wiederholt, was angesagt ist (ENZENSBERGER 1988.57f).

Verschärft wurde diese Tendenz im Musikbereich durch die traditionelle Nähe zwischen Industrie, Musikern und Journalisten (häufig selbst mehr oder weniger verhinderte Musiker und/oder als Labelbesitzer, Konzertveranstalter, Manager etc. in die Musikvermarktung involvierte Männer und Ingeborg Schober).

Üblicherweise integrierten die Konzernlabels Journalisten in ihre Verwertungsstrategien auf einfache (und billige) Art und Weise: Durch das Verteilen von kostenlosen PR-Exemplaren der neuesten Produkte und der Regulierung des Zugangs zu Stars (kostenlose Konzertkarten, Gewährung von Interviews).

Weit verbreitet war außerdem die Vergabe von Aufträgen zum Verfassen von Werbetexten (besonders erfolgreiche Journalisten vervielfachten ihre bescheidenen Zeilenhonorare mit dem Schreiben von „Waschzetteln“). Möglich war auch die Arbeit als Berater, als Talentscout und manchmal sogar als Produzent. Ein Beispiel ist Uwe Nettelbeck (Konkret), der 1971 für Polydor, ein Label des deutsch-holländischen Musikkonzerns DG/PPI (später PolyGram), die neuen Beatles eine Rockband (Faust) zusammenstellte.

Einige Zirkulationsagenten betrieben parallel zur ihrer journalistischen Arbeit eigene Labels. In diese Kategorie gehören Möchtegern-Mogule wie Rolf-Ulrich Kaiser (Ohr, Pilz, Kosmische Kuriere) und Alfred Hilsberg (Zickzack, What’s So Funny About), die – unbeeindruckt von professionellen Standards oder dem Berufsethos von Journalisten – ihre eigenen Produkte mit (wenn überhaupt) nur notdürftig als redaktionelle Beiträge getarnten Texten scham- und hemmungslos bewarben.

In den 1980er Jahre ging das Rezensenten-Problem [1] in der BRD, zumindest in Bezug auf die Musikrezeption eines sich selbst als Elite verstehenden Publikumssegments (Sounds– und SPEX-Leser und andere Möchtegern-Hipster), in eine neue Phase über:

Junior-Journalisten wie Diedrich Diederichsen inszenierten sich als Diskurse dominierende Denker, tarnten die Schlichtheit ihrer Gedanken mit terminologischem Geschwurbel und verklärten die Popmusik insgesamt, das heißt, ohne dabei auf die gravierenden Unterschiede zwischen den verschiedenen Genres zu achten, zu einem – aus „linker“ Perspektive – progressivem Medium.

War schon über Punk jede Menge Unsinn geschrieben worden, so gab es kein Halten mehr als MTV auf dem Bildschirm erschien: Jetzt wurde wild drauflos dekonstruiert und kein Werbefilmchen war zu schlicht, um darin nicht die eine oder andere geheime – natürlich subversive – Botschaft dechiffrieren zu können.

Auf Basis falscher Prämissen – u. a. Musik- und Modegeschmack als Indikator für die politische Einstellung – und falscher Analysen – u. a. des Phänomens Punk – entstand post-festum eine „linke“ „Pop-Theorie“, bei der Popmusik – und zwar generell und „immer und überall“ (Erste Allgemeine Verunsicherung) – für Autonomie und Dissidenz, für Rebellion und Subversion steht.

Dabei blieb von Anfang an unklar, was diese Lifestyle-Journalisten eigentlich unter „links“ verstanden: An die Stelle ökonomischer Analysen der Kulturindustrie trat die Verherrlichung des eigenen Musikgeschmacks. Eine selbsternannte Geschmackselite erfand eine Subkultur, die sich (angeblich) grundsätzlich von der verachteten Massenkultur unterschied.

Im Zentrum dieser Nischenkultur stehen die „Independents“, angeblich unabhängige Labels, die als verständnisvolle Partner die Kreativität der Musiker fördern und diesen Mittel zur Verfügung stellen, damit sie – unbehelligt von kommerziellen Erwägungen – ihre künstlerischen Visionen verwirklichen und Musik produzieren können, die vom Publikum – im Unterschied zu den Verhältnissen im „Mainstream“ – nicht einfach nur passiv konsumiert wird, sondern aktiv verarbeit wird: Eine „linke“ Musik, die Denkanstöße liefert, Identitäten prägt & Subkulturen stärkt usw.

Unter konsequenter Ausblendung der Realität, in der Kunst und Kommerz untrennbar miteinander verbunden sind (vgl. FRANK 1997), konstruierten Diederichsen & seine Jünger einen „Kampf“ zwischen zwei Lagern, die sich (angeblich) fundamental voneinander unterscheiden und sich unversöhnlich gegenüberstehen: die Majorlabels und die (angeblich) unabhängigen Labels.

Dabei merkten die wackeren Apologeten der „Indie-Kultur“ nicht, dass sie – genau wie ihre Vorgänger, die verdeckten Werber [2] – „Anhängsel der Maschinerie“ (im Sinne von Theodor W. Adorno) sind: Nützliche Idioten, die mit ihrem Geschwätz zum Verblendungszusammenhang beitragen, der vom Wesentlichen ablenkt.

Die „Kids“ waren noch nie „alright“.

Read More

The Damned, 1st Anniversary Gigs, Marquee Club, 3. bis 6. Juli 1977

Heute vor 40 Jahren fand das erste von vier angekündigten Jubiläumskonzerten der Damned im Marquee in der Londoner Wardour Street statt.

Weil die Band das Club-Management verärgerte, wurde die Reihe nach dem zweiten Abend abgebrochen.

PosterDamnedMarquee1977.jpg

Original Poster, Wasted Vinyl Collection

Und Stiff blieb auf einem Haufen der Single „Stretcher Case Baby“ b/w „Sick Of Being Sick“ sitzen (Auflage: 5.000), die an die Konzertbesucher verteilt werden sollte.

ISSUED FREE AS A FIRST ANNIVERSAY GIFT

CoverA.jpg

CoverB.jpg

Stretcher Case Bay / Sick Of Being Sick, Stiff Records 1977, Wasted Vinyl Collection

Wie bei Stiff üblich, gab es auch wieder Botschaften in der Auslaufrille:

SingleA.jpg

Seite 1: I SAID YOU BETTER HAVE THE ALBUM I SAID YOU BETTER HAVE THE ALBUM

SingleB.jpg

Seite 2: ONE YEAR OLDS

 

Auf dem Label der B-Seite war zu lesen:

EASILY  DESTRUCTABLE STEREO

NOT FOR SALE

Special snobs collectors artifact of no historical/cultural value.

Play it today. Throw it away.

Why sell ‚em when you can give ‚em away.

 

 

Der Durstige Mann – Kind Für Immer

Wie der Intellektuelle es macht, macht er es falsch.

Er erfährt drastisch,

als Lebensfrage die schmähliche Alternative,

vor welche insgeheim der späte Kapitalismus

alle seine Angehörigen stellt:

auch ein Erwachsener zu werden oder ein Kind zu bleiben.

 

Theodor W. Adorno, Minima Moralia

 

Für Eric Hysteric war die Antwort auf die Lebensfrage im späten Kapitalismus klar:

Ich bin schon groß,

aber noch sehr klein.

Ich will ein Kind für immer sein!

 

Spiel‘ mit Matchbox cars,

eß‘ Eiscreme und Mars,

Donald Duck und Fun –

mein ganzes Leben lang.

 

Spiel‘ im nassen Sand,

mal‘ Bilder an die Wand.

Keiner kann mich nicht stören,

wenn Alf und Batman mich betören.

 

© Eric Hysteric 1990

 

Der Durstige Mann bei iTunes, Amazon Unlimited, Apple Music & Co.:

Ein kleiner Schritt für die Menschheit – ein großer Schritt für Der Durstige Mann!

MP3 Download hier

DDM-KFI.jpg

Sorry, Downloads & Streams are only available in Germany, Austria and Switzerland.

Vom Album „Hellblaun“, Orgasm 14, Orgasm Records 1990.

Hellblaun Cover.jpg

„Hellblaun“, Signed by Eric & Oskar, Wasted Vinyl Collection

 

 

Spandau Ballet: Fünf Freunde sollt ihr sein

Interview mit Spandau Ballet: Frankfurt, Hotel Intercontinental, Dienstag, 22. Januar 1985 [1]

DK: Erinnert ihr euch noch an die TV-Aufzeichnung in Neuwied (25. September 1984)? Rock Pop Music Hall für das ZDF?

[Beim gemeinsamen Abendessen im Hotel am schönen Rhein mit den Labelkollegen von Ultravox hatten sich Spandau Ballet so besoffen, dass sie später beim Playback-Auftritt (für ihre Verhältnisse) wild über die Bühne wirbelten und am Schluss die geliehenen Instrumente zertrümmerten (Sachschaden circa 17.000 DM)].

Martin Kemp: Klar. Das war sehr lustig. So was passiert uns nicht jeden Tag.

John Keeble: Unsere eigenen Instrumente behandeln wir natürlich  nicht so. Ich weiß nicht, was eigentlich los war. Das war nicht geplant. Ist einfach so passiert.

 

SBA.jpg

Only When You Leave / Paint Me Down (Live), Pic Disc / Shape Disc, Single, Chrysalis (UK), spanp 3, 1984, Signed, Wasted Vinyl Collection

DK: Ihr spielt jetzt seit sechs Jahen zusammen. Hat sich in der Zeit das Verhältnis innerhalb der Band verändert?

Martin Kemp: Wir waren schon miteinander befreundet, bevor wir die Band gründeten. Auch heute sind wir noch miteinander befreundet.

John Keeble: Wir haben alles gemeinsam erlebt: Vom ersten „öffentlichen“ Auftritt in unserem Übungsraum in Islington, bis zu sechs ausverkauften Konzerten in der Wembley Arena. Wir haben uns bisher immer vertragen, und ich sehe keinen Grund, warum sich das in den nächsten zehn Jahren ändern sollte.

DK: Eure Karriere war von Anfang an gut geplant. Warum habt ihr eine eigene Plattenfirma, Reformation, gegründet?

John Keeble: Ganz einfach. Wir haben die Bücher über die 60er und 70er Jahre gelesen. Wir wissen, wie dieses Geschäft funktioniert. Wir kenne alle Tricks, mit denen die Künstler um ihren verdienten Lohn gebracht werden. Uns kann kein cleverer Manager übers Ohr hauen.

Martin Kemp: Wir haben alles unter Kontrolle. In England machen wir alles selber: Produktion, Promotion. Wir buchen die Konzerte usw. Chrysalis hat nichts weiter zu tun, als die Platten zu pressen und zu vertreiben.

John Keeble: Unser Manager [Steve Dagger] ist nur ein Jahr älter als ich. Er ist praktisch das sechste Mitglied der Band. Ihm vertrauen wir.

DK: Gibt es wirklich keinen Streit um die Verteilung der Einnahmen? Gary verdient als Songwriter doch sehr viel mehr als ihr anderen?

Martin Kemp: Wir streiten nicht, obwohl wir Brüder sind.

John Keeble: Wir sind sehr zufrieden mit der Rollenverteilung. Jeder weiß, was er kann, und was seine Aufgabe innerhalb der Band ist. Finanziell haben wir alles geregelt, da wird keiner benachteiligt.

Martin Kemp: Wir waren, sind und bleiben fünf Freunde.

Es dauerte dann noch ein paar Jahre, bis John, Tony Hadley und Steve Norman auf die Idee kamen, dass ihnen ein größerer Anteil an den – nach Karriereende – nicht mehr so sprudelnden Einnahmen zustehen könnte:

Am 27. Januar 1999, knapp zehn Jahre nach Auflösung der Band und 14 Jahre nach dem Interview, reichten die drei Klage gegen Gary Kemp ein, der als Songschreiber und Musikverleger [Reformation Publishing] (damals) noch immer hohe Einnahmen aus der Rechteverwertung (Tantiemen für Medieneinsätze und Tonträgerneuauflagen) hatte. [2]

Und da sie keinen schriftlichen Vertrag vorweisen konnten, war das Urteil keine Überraschung: Die Klage wurde abgewiesen – und die Berufung ein paar Monate später zurückgezogen.

Inzwischen vertragen die fünf sich wieder & und gehen gemeinsam auf Tour. [3]

Weniger gut war die Idee, die alten Songs neu aufzunehmen: Das Album „Once More“ (Mercury, 2009) kann man getrost vergessen.

 

[1] Dies ist der heute noch interessante Teil des Interviews: Die Passagen über die „World-Parade“-Tour („Der Unterschied zwischen Nürnberg [schlecht] und Frankfurt [sehr gut] ist größer als zwischen Tokio und London“), Groupies („Die deutschen Girls sind besonders wild“), Tony Hadleys Frau Leonie („eine blasse Blondine im schlichten Wollkleid“) und Martin Kemps (damals noch) heimlicher Freundin Shirley Hollis („Next question, please“) bleiben besser im Archiv.

[2] Garys Bruder Martin schloss sich der Klage nicht an.

[3] Oder auch nicht mehr:THStatement2017-07-03.jpg

Tocotronic – Coming Home

CHCover.jpg

© Stereo Deluxe Rec. GmbH

Am 16. Juni veröffentlicht das Berliner Label Stereo Deluxe in der Reihe „Coming Home“ eine CD [1] mit den Lieblingssongs von Tocotronic: [2]

  1. The Modern Lovers – She Cracked
  2. Ty Segall – Tall Man Skinny Lady
  3. Fuck – Stupid Band
  4. U.S. Girls – Island Song
  5. Masha Qrella – DJ
  6. Tamikrest – Aicha
  7. Yanka – Osobiy Rezon
  8. Der Durstige Mann – Kind für Immer
  9. Wipers – When It’s Over
  10. Terry Hall & Mushtaq – Sticks And Stones
  11. Wand – Generator Larping
  12. Andreas Dorau – Bienen am Fenster
  13. Roy Ayers – Running Away (Album Version)
  14. The Vaselines – I Hate the ’80s
  15. Phosphor – Granola
  16. The Thermals – I Know the Pattern
  17. Courtney Barnett – Depreston
  18. Frankie Goes To Hollywood – San Jose
  19. Tocotronic – Rebel Boy (Ada Remix)

Schade, dass der Eric das nicht mehr erlebt hat.

Vielen Dank an Jan Müller & Co.!

Album-Review in der taz: Hunde und Lieblingssongs

 

[1] Auch hörbar bei Streamingdiensten.

[2] Detaillierte Angaben zur Kompilation

Toto Lotto, linke Frankfurter Hippies, die „dumpfe“ (bis „rechte“) Musik von Bands wie den Böhsen Onkelz und Der Durstige Mann & Herbert Egoldt

(Minimal bearbeitete) Anmerkungen zu einem Artikel von Martin F. (2006).

Es gibt übrigens die Theorie, dass Toto Lotto schuld daran sind, dass die „echten“ Frankfurter Punks dann solche stumpfen Gruppen wie Der Durstige Mann und Die Böhsen Onkelz hervorbrachten – in Abgrenzung zu den Frankfurter Hippies wie Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, die ihnen die intelligenteren Ausdrucksweisen von Punk weggenommen hatten.

Martin F., 18. August 2006

Diese „Theorie“ ist ziemlicher Quatsch!

  1. Gerade die linke Frankfurter Szene bot ja den „dumpfen“ Punks diverse Plattformen: In der Karl-Marx-Buchhandlung von Cohn-Bendit und Fischer wurden – lange bevor es Toto Lotto gab – Punkplatten und Fanzines (in Kommission) verkauft, in der Batschkapp fanden Punk-Konzerte statt.
  2. Punks legten nicht den geringsten Wert auf „intelligente Ausdrucksweisen“ oder „hohe instrumentale Virtuosität“. Für Jazz-Rocker, die auf New Wave („Wenn Punk eine Revolution war, dann war New Wave die Konter-Revolution“ Hans Wurst, 1978) machten, hatten „echte“ Punks nicht einmal Verachtung übrig.

Dieter K, 21. Juli 2007

Du übersiehst, dass Punk im wesentlich auf „dagegen sein“ basierte, eine „Zusammenarbeit“ mit Cohn-Bendit und Fischer wäre Verrat an Punk gewesen. Die gleichen Abgrenzungen gab es ja gegen Alfred Hilsberg in Hamburg wie du bei „Nein Nein Nein“ von den Buttocks schön hören kannst. Andererseits waren Punktexte nie „unintelligent“, sondern „direkt“ im Gegensatz zu „poetisch“ oder „verträumt“, bzw. „zynisch“ im Gegensatz zu „optimistisch“. Und Bands die ihre Instrumente beherrschten waren immer beliebter als Stümper wie die Vomit Visions und Durstiger Mann aus Frankfurt.

PS: Wer bitte ist Hans Wurst – und wo bitte ist bei dem New Wave-Monster-Hit „Heart of Glass“ von Blondie die „hohe instrumentale Virtuosität“?

Martin F., 27. Juli 2007

Hippies versus Punks:

Das war doch nicht viel mehr als Rhetorik, eine Vermarktungsstrategie.

Im Ernst hat doch schon damals kein Mensch (von den ganz hoffnungslosen Fällen einmal abgesehen) an den Gegensatz von Hippies und Punks geglaubt.

Alle Punkmusiker, die ich kenne, hatten und haben die Regale voll mit Pink-Floyd-Platten (und schlimmerem).

1978 hatten sich viele der frühen englischen Punks zu ihrer Hippie-Vergangenheit bekannt bzw. machten “Hippie-Musik” (Alternative TV, PIL).

Beim englischen Post-Punk ist der Hippie-Einfluss unüberhörbar.

Und Rough Trade war nichts anderes als eine Hippie-Genossenschaft.

John Lydon, Joe Strummer, Jello Biafra, Henry Rollins – alles Hippies.

Klaus Walter behauptet (zu Recht), dass die Hippies in Frankfurt “politischer und dadurch langlebiger als in anderen deutschen Großstädten waren” (WALTER 1993.34).

Richtig ist auch, dass Punk in Frankfurt von Anfang an von den durch Cohn-Bendit, Fischer & Co. (mit)errichteten subkulturellen Strukturen profitiert hat.

Vielleicht wurde auch versucht, die handvoll Punks, die es vor 1979 gab, politisch zu agitieren.

Das einige Punks, wie Stephan Weidner von den Böhsen Onkelz, dies als “subkulturellen Putsch” aufgefasst haben, mag sein.

Wahrscheinlicher ist, dass ihm dies viel später als post factum Rationalisierung für einige Texte der Böhsen Onkelz eingefallen ist.

Ich kenne keinen Frankfurter Punk, der die Zusammenarbeit mit den Alt-Hippies als “Verrat” beurteilt hat.

Falls darüber überhaupt gesprochen wurde, dann in dem Sinn, dass die Punks sich überlegen fühlten und die alten Hippies nicht ernst nahmen.

Ich kann mich jedenfalls nur daran erinnern, dass sich die Punks über die Leute in der Karl-Marx-Buchhandlung lustig machten, weil diese Ladendiebstahl (mehr oder weniger) tolerierten (jedenfalls niemals die Polizei riefen). [1]

Außerdem ist Walters Einschätzung, die (versuchte) Vereinnahmung von Punk als “linker” Musik sei ein spezifisch Frankfurter Phänomen (vgl. WALTER 1993.34f), vollkommen falsch. [2]

(Die Böhsen Onkelz waren ja auch nicht die einzigen Rechts-Rocker. Wenn ich mich nicht irre, war Rechts-Rock auch eine Modewelle, die als Oi! von England rüber schwappte).

Ende der 1970er Jahre hatte jeder drittklassige Soziologe – von NME- und (in Deutschland) Sounds- und (später) SPEX-Journalisten ganz zu schweigen – das politisch linke Widerstandpotenzial von Punk dechiffriert bzw. erfunden.

Hier kommt wieder Hilsberg ins Spiel, den Walter als positives Beispiel für “politisches Popbewußtsein” glorifiziert.

Dabei war gerade Hilsberg der alte Hippie, der bei der “Unterwanderung” des Punks in Deutschland am erfolgreichsten war.

Falls sich Frankfurter Punk gegen etwas gerichtet hat, dann genau gegen das von Hilsberg (und später von Diederichsen) verkörperte “Popbewußtsein”:

Gegen das von Musikjournalisten und anderen Möchtegern- bis Kleinkapitalisten verbreitete Märchen von der „linken Independent-Kultur”.

Der Verzicht auf die Gründung von langlebigen Bands und Labels, auf den Aufbau von “unabhängigen” Strukturen, war eine bewusste politische Entscheidung [3], eine radikale Absage an die Kulturindustrie, die sich durch die Integration von (vermeintlich) rebellischen Strömungen ständig erneuert.

(Mehr oder weniger) totale Verweigerung, im Sinne von Adornos Aphorismus:

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Das war das spezifisch „frankfurterische“ am deutschen Punk!

Übrigens waren Toto Lotto und sogar die diversen Limburger Bands um Tom Dokoupil bei den Frankfurter Punks beliebt.

Da gab es keine Berührungsängste mit Jazz-Rockern wie Wirtschaftswunder (live sensationell, auf Platte eher weniger, abgesehen vom “Kommissar”).

Aber so bedeutend, dass der “dumpfe” Punk als Reaktion darauf entstand, waren sie ganz sicher nicht.

Walters Behauptung, dass “keine einzige Frankfurter Band (…) seit 77 etwas Relevantes produziert [hat], bis zu den Onkelz” (WALTER 1993. 36), beruht auf seinem Geschmacks(vor)urteil gegen “dumpfen” Punk. [4]

Wie er ganz richtig schreibt, war die “Biertrinker-Dummkopf-No-Future-Attitüde” “carefully designt”.

Jedenfalls bei manchen Bands, zum Beispiel beim Durstigen Mann.

New Wave ist für mich kein Musikstil, sondern eine Marketingkategorie, in der völlig unterschiedliche Stile zusammengefasst werden.

Hans Wurst war der “stümperhafte” (und auch noch Stolz darauf) Bassist der Vomit Visions. Als Fanzine-Autor (“Same Old Song”, “Ultra Hard Core Punk Sounds”) hat er damals obskuren US-Punk bejubelt und die besten Texte gegen die Punk-Ideologie beziehungsweise gegen die ideologische Vereinnahmung des Punks geschrieben.

Und (natürlich) war er ein Hippie und (beinahe) auch ein Alt-68er.

Dieter K, 23. Juli 2007

Der Mythos vom linken Widerstandspotential ist glaube ich allerdings schon älter, der stammt ja noch von 68 und Kraut-Rock. Und die radikale Politik ist ja zum Teil auch erst von den Autonomen, die Punk für sich als kulturelle Ausdrucksform entdeckt (okkupiert) haben, hineingetragen worden.

Martin F., 24. Juli 2007

Ganz genau.

Von dem (späteren) „linken“ Deutsch-Punk habe ich (so gut wie) keine Ahnung. Da gab es diverse Szenen (Hamburg, Berlin) und die Chaos-Tage in Hannover gehören da wohl auch mit rein. Jedenfalls spielte Frankfurt da nur eine Nebenrolle.

(…) diese Art Stumpf-Punk war nun mal typisch für Frankfurt

Martin F., 24. Juli 2007

Da ich keine Böhsen-Onkelz-Platten besitze, habe ich mir ihre frühen Rock-O-Rama-Werke geliehen –und erstaunt festgestellt, dass die ziemlich gut sind. Das hält locker mit den besten Punk-Produktionen aus Düsseldorf oder Hamburg mit.

Kann da überhaupt nichts angeblich für Frankfurt typisches entdecken. Und so „dumb and dull“ wie der Durstige Mann klingen sie schon gar nicht.

Vomit Visions hatten kein Problem bei Herbert Egold’s Rock-O-Rama-Records zu veröffentlichen.

Martin F., 24. Juli 2007

Da EMI, CBS Records und Stiff eine Veröffentlichung abgelehnt hatten, mussten sie den erstbesten Vertrag akzeptieren …

Nein, im Ernst:

Rock-O-Rama war – lange bevor die zwei, drei anderen deutschen Versandhändler dazu kamen – die beste (einzige) Adresse für Punk aus US und UK. Hier hat sich Egoldt bleibende Verdienste erworben.

Weil die Vomit Visions aus ideologischen / prinzipiellen Gründen unbedingt Geld mit ihrer Musik verdienen wollten – und wer die „Punks Are The Old Farts Of Today“-EP gehört hat, weiß, welche Leistung es bedeutet, dafür bezahlt worden zu sein – kam die Gründung eines eigenen Labels – damals die große Mode – nicht in Frage.

Hans Wurst hat Egoldt 1978/79 bearbeitet, damit er ein Label gründet. Ausschlaggebend war letztendlich seine Empfehlung, die Razors (Hamburg) unter Vertrag zu nehmen, die – im Unterschied zu den Vomit Visions – kommerzielles Potenzial hatten.

Zu diesem Zeitpunkt (Ende 1979) gab es jedenfalls keinerlei Grund für besondere Bedenken gegenüber Egoldt / Rock-O-Rama.

(Nachdem Eric Hysteric Deinen Post gelesen hat, sagte er: „Wenn man einen Plattenvertrag unterschreibt, muss man immer Bedenken haben.“)

Außerdem waren die Vomit Visions nicht bei Egoldt / Rock-O-Rama unter Vertrag, sondern haben die EP lediglich für einen limitierten Zeitraum zur Veröffentlichung lizenziert. Alle Rechte an Aufnahmen und Kompositionen blieben bei der Band.

Womit wir schon bei Deinem letzten Punkt wären: Egoldt

(…) war zwar kein Hippie, aber wohl der skrupelloseste Geschäftemacher des Deutschpunk.“

Martin F., 24. Juli 2007

Richtig, Egoldt war kein Hippie – er war ein (Ex-)Teddy-Boy (und Malermeister).

Wenn Du „skrupellos“ auf den Nazi-Dreck beziehst, der Rock-O-Rama Jahre später großmachte, hast Du Recht.

In Bezug auf seine Geschäftsmethoden, die Verträge mit den Bands, bin ich mir nicht so sicher:

So weit ich weiß, hat Egoldt alle Kosten getragen und die Rechte an den Aufnahmen gegen einen Festbetrag (plus Freiexemplare) gekauft. Eine Umsatzbeteiligung in Form von Tantiemen war (in der Regel?) nicht vorgesehen.

Diese Vertragsbestimmungen waren – im Unterschied zu den üblichen Industrieverträgen – so leicht verständlich und eindeutig, dass sich alle Bands, die sich – zum Teil noch heute – darüber aufregen, fragen sollten, warum sie überhaupt unterschrieben haben.

„Skrupellos“ agierten jedenfalls auch andere deutsche Independent-Labels, darunter auch solche, deren Wirken – heute mehr denn je – verklärt wird:

Beispielsweise hat mindestens ein Labelboss seinen Musikern von einem GEMA-Beitritt abgeraten – und sich dann selbst als Autor bei der Verwertungsgesellschaft registrieren lassen. [5]

Außerdem nutzen gerade kleine Labels (bis heute) die (selbstverschuldete!) Unkenntnis der Musiker aus, in dem sie sich die Verlagsrechte an den Eigenkompositionen sichern, häufig ohne nennenswerte Gegenleistung. [6]

Und Moritz R® hat in seinem Buch „Der Plan. Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle“ über seine Erfahrungen mit einem Großhändler berichtet, der mit den Einnahmen aus dem Vertrieb von Plan-Platten den Auf- bzw. Ausbau eines Labels finanzierte. Dann meldete der Großhandel bankrott an und Der Plan bekam kein Geld. Das Label bzw. Nachfolgefirmen davon gibt es noch heute ….

Dieter K, 24. August 2008

 

[1] Die radikalste Maßnahme der Spontis gegen die Punks war der Rauswurf. Zum Beispiel wurde (mindestens) einmal ein Haufen Punks aus der Karl-Marx-Buchhandlung rausgeschmissen, weil sie sich stundenlang „Robin Hood“ und/oder „Susan Baker“ von Eric Hysteric & The Esoterics angehört hatten.

[2] „Punk in Frankfurt bestand 77/78 zu einem guten Teil aus Hippie-Bashing auf dem Flohmarkt“ (WALTER 1993. 34). Mitte 1978 gab es in Frankfurt circa 10 bis 15 Punks, denen tausende von Hippies gegenüberstanden, das heißt, Walters Vorstellung vom Hippie-Bashing auf dem Flohmarkt ist ein pures Produkt seiner journalistischen Phantasie.

[3] Dies gilt zumindest für die Vomit Visions, die zu 50 Prozent aus Soziologie-Studenten bestanden.

[4] Oder er hat keine Ahnung, wovon er spricht. Kenner der Materie wie Patrick Orth wussten schon in den 1980er Jahren, dass die Vomit Visions die Dead Kennedys beeinflusst haben & dass Der Durstige Mann zu den Lieblingsbands der Kritiker von Flipside & Maximum Rock’n’Roll gehörten (vgl. Eric Hysteric).

[5] Der Name ist der Redaktion bekannt!

[6] Diese Praxis war in Amerika schon in den 1920er Jahren üblich. In Deutschland dürfte der unter [5] angesprochene Labelboss zu den Vorreitern dieser üblen Masche zählen.

 

Literatur:

ANNAS, Max / Ralph CHRISTOPH (Hg.) (1993), Neue Soundtracks für den Volksempfänger. Nazirock, Jugendkultur & rechter Mainstream, Berlin: Edition ID-Archiv

REICHELT, Moritz (1993), Der Plan. Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle. Die Geschichte einer deutschen Band, Berlin: Martin Schmitz Verlag

WALTER, Klaus (1993), Dicker Stefan, gutes Kind, in: ANNAS / CHRISTOPH (Hg.) 1993, S. 26-46

Neuer Boom in der Musikindustrie?

„Die Einnahmen der Musiklabels aus dem Streaminggeschäft sind im vergangenen Jahr weltweit um 60 Prozent nach oben geschnellt. Damit konnten die Musikabonnements die Einbußen aus dem mittlerweile stark schrumpfenden Geschäft mit Musikdownloads und den seit vielen Jahren bröckelnden CD-Verkäufen mehr als wettmachen.“

Neuer Boom in der Musikindustrie

Durch Musikabos konnten die Labels „die Einbußen aus dem mittlerweile stark schrumpfenden Geschäft mit Musikdownloads und den seit vielen Jahren bröckelnden CD-Verkäufen mehr als wettmachen“?

Die Realität sieht anders aus:

2017-04-26_edited.jpg

Quelle: IFPI (2017), Global Music Report 2017. Annual State of the Industry, S. 11

Richtig ist, dass in fünf (2001, 2004, 2012, 2015 & 2016) der letzten 17 Jahre ein Umsatzwachstum zu verzeichnen war.

Dabei wurde 2016 mit einem globalen Umsatz von 15,7 Milliarden Dollar noch nicht einmal der Wert von 2009 (15,8 Milliarden Dollar) erreicht. [1]

Ob kostenpflichtige Streamingdienste tatsächlich die Zukunft sind (oder nichts anderes als die Klingeltöne Of Today), steht angesichts der kostenlosen Konkurrenz durch den Monopolisten Alphabet/Google/YouTube, der aufgrund schlechter Gesetze aus dem vergangenen Jahrtausend [2] praktisch in den Genuss von Zwangslizenzen kommt, sowie der hohen Verluste, mit denen der Marktführer Spotify arbeitet, noch lange nicht fest.

Ganz zu schweigen davon, ob – abgesehen von UMG, Sony Music und WMG (große Rechtekataloge, geringe Beteiligung für die Künstler bei alten Verträgen) Labels mit den niedrigen Lizenzgebühren, von denen bei neuen Verträgen mindestens 50 Prozent in die Taschen der Interpreten fließen, überleben können.

Nicht zynisch, sondern realistisch ist die Einschätzung von BMG CEO Hartwig Masuch:

„I am very cynical about the view that the good days have returned. Every renegotiation [with an artist] will cut down massively on the margin … Digital is portrayed as very complex… but if you take that cost out, how do you justify such a low rate? Why in the hell would an artist decide to take less than 75 per cent?“

BMG warns that music streaming boost could be shortlived

Von einem „Boom“ kann man jedenfalls nur sprechen, wenn man den Betrachtungszeitraum auf die letzen drei bis fünf Jahre beschränkt.

Was nicht sachgerecht ist.

Um die weggefallen CD-Verkäufe „wettzumachen“ und den Rekordwert von 1999 (23,8 Milliarden Dollar) zu erreichen, müsste der weltweite Umsatz der Phonoindustrie jedenfalls um 8,1 Milliarden Dollar oder 51,59 Prozent zulegen.

Und das dürfte noch zehn bis zwanzig Jahre dauern. Mindestens.

[1] Zu beachten ist, dass in den IFPI-Statistiken bis 2000 nur die Einnahmen aus dem Tonträgerverkauf angegeben wurden, seit 2001 werden auch die Einnahmen aus dem Aufführungs- und dem Synchronisationsrecht mitgezählt. Diese lagen 2016 bei 2,6 Milliarden Dollar, was 16,5% des Gesamtumsatzes entsprach.

[2]  in den USA waren dies 1998 die „safe-habor-Klauseln des Digital Millenium Copyright Acts (17 U.S. Code § 512), in Europa die nach diesem Vorbild 2000 eingeführten Regeln der E-Commerce-Richtlinie (§§ 12-15) in Verbindung mit deren Umsetzung in die nationalen Gesetze, zum Beispiel 2007 zur Providerhaftung im deutschen Telemediengesetz (§§ 7-10 TMG).

Nena, Rodney Bingenheimer & Vomit Visions

Rodney Bingenheimer, Mayor of the Sunset Strip,

1972 Gründer der English Disco (nach einer Idee von David Bowie) und einflussreicher Diskjockey (Rodney On The ROQ ab 1976) bei KROQ-FM in Pasadena, war der Erste, der in Amerika „99 Luftballons“ von Nena im Radio spielte.

Nena & Rodney

Im KROQ-Studio, Pasdadena: Nena bedanken sich bei Rodney, Foto © Musik Express (?)

Ob er auch die Vomit Visions spielte, ist nicht überliefert, aber das Cover der „Punks Are The Old Farts Of Today“ EP hatte er noch Mitte der 1980er Jahre immer im Blick.